Im Gespräch mit der Autorin Julia von Rein-Hrubesch: „Immer brennen und wahnhaftes Schreiben!“

Allgemein, Über das Autorenleben, Projekte

Julia von Rein-Hrubesch, Autorin zahlreicher Novellen und Romanen, schrieb nicht nur für die neu erschienene Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, sondern war auch hinter den Kulissen tätig. Über Twitter liefern wir uns eine Wortschlacht über Rätsel, Bedeutungen und natürlich, wie es hinter dem Vorhang aussah.

Magret:
Ok, Julia. Heute fangen wir mal hart an. Lass uns über Rätsel reden. Was bedeuten sie für dich und deine Werke?

Julia:
So ziemlich alles. Ich möchte in jeder Geschichte ein Rätsel finden, so klein es auch sein mag. Am besten ist es natürlich, dem Autor gelingt es, dass ich über mich selbst rätsle. Was meine Werke betrifft, so ist es mir natürlich genauso wichtig, kleine Rätsel einzuflechten. Vielleicht auch ein großes. Hier stelle ich dieselben Anforderungen an mich selbst wie an einen Autor, den ich lese.

Magret:
Die Rätsel entstehen bei dir viel, da du sehr subtil schreibst. Das Eigentliche geschieht oft zwischen den Zeilen. Inwieweit erwartest du vom Leser Interpretation?

Julia:
Da liegt meine Erwartungshaltung sehr hoch 😉

Magret:
Sollen deine Geschichten überhaupt ganz verstanden werden?

Julia:
Ach Du 🙂 Diese Frage kennt die Antwort doch bereits.

Magret:
Das stimmt. Da hast du mich ertappt. Vielleicht habe ich gehofft, dich ein wenig zu enträtseln!

Julia:
Ich mag keine Rätsel, für die man eine Reise beginnt, an deren Ende es eine eindeutige Lösung gibt. Ich schreibe und lese ja am liebsten über die Menschen. Sie sind auch keine Formel mit einer klaren Lösung.

Magret:
Das spiegelt ja auch wieder, wie deine Geschichten nie ein HAPPY END haben können. Nie wird es heißen: „So ist es, so ist es gut.“ Das macht dich zum Fantast und Realisten gleichzeitig, oder?

Julia:
Ah, so schön gesagt! Ja! Das ist ab sofort mein Titel. Danke, liebe Magret.

Magret:
Gern geschehen! Ich habe jetzt schon einiges von dir gelesen und immer wieder fällt mir auf, welchen großen Stellenwert die Natur in deinen Geschichten hat, auch wieder in denen in der Anthologie. Warum zieht dich das so an?

Julia:
Die Natur … Sie habe ich als Kind geliebt und sie dann für eine längere Zeit vergessen. Erst in den letzten Jahren habe ich gespürt, wie sehr es mich zu ihr zieht. Und jetzt bin ich regelrecht besessen. Ich bin früher viel gestromert. Kennst Du den Ausdruck? Vielleicht ist das jetztige Stromern Erinnerung daran. Zurückholen von Dingen.

Magret:
Ja, stromern kenne ich. Das vermisse ich auch. Aber dafür braucht man viel Zeit und Geduld, weil man ziellos sein können muss. Das heißt, du gehst beim Schreiben deinem Verlangen nach. Baust du dir damit deine eigene Welt?

Julia:
Nein. Vielleicht, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Inzwischen will ich mich selbst herausfordern. Ich zeichne eine Welt, ja, aber es ist eine, in der ich nicht leben wollen würde. Nein, das ist nicht richtig formuliert. Sagen wir, ich lege Stolpersteine, bei denen ich lange überlegen muss, wie ich sie überwinde, würden sie in meiner echten Welt da sein. Ich will kein Wohlfühlschreiben.

Magret:
Schreiben als Wachstum. Das ist spannend. Warum nicht? Oder anders gefragt: welchen Zweck sollen deine Texte erfüllen?

Julia:
Ach, jetzt kommt sie mir damit 😉 Die Zweckfrage … In letzter Zeit häuft es sich, dass Menschen meine Geschichten lesen und sagen, das ist genau das, was sie brauchen. Auch wenn es unbequem ist. Dann denke ich, diese Menschen und mich, uns verbindet etwas. Eine Schnittstelle. Ich bin großer Fan von Schnittstellen 😉 Wenn diese Menschen meine Geschichten finden und andersherum, dann würde ich von Zweckerfüllen sprechen.

Magret:
Oh ja. So erging es mir auch mit deinen Pappeln. Deine Texte offenbaren die Stolpersteine deiner Leser.

Julia:
Das ist toll! Das wünsche ich mir! Allerdings greift hier wieder die Erwartungshaltung. Man muss es zulassen, die Steine zu erkennen.

Magret:
Gut, das ist ja bei jedem Werk/Leser so. Alles zur richtigen Zeit. Ich möchte noch einmal auf die Natur zu sprechen kommen. In der Literatur ist sie ein beliebtes Symbol. Bei Homo Faber ist es die fruchtbare Weiblichkeit, bei Effi Briest die Zukunftsvoraussage. Welche Symbolik erfüllt sie für dich?

Julia:
Uff.

Magret:
Hahahaha

Julia:
Solche Aussagen werden doch von anderen getroffen, nicht vom Autor selbst, oder?

Magret:
Wenn du es so möchtest. Du bist Autor. Theoretisch musst du überhaupt nichts über deine Werke sagen.

Julia:
Du bist hartnäckig. Okay, es sind zwei Dinge, die mich umtreiben. Da ist einmal der tiefe dunkle Wald. Ich erzählte Dir ja bereits von der Frau im Wald, vor der ich manchmal Angst habe, weil ich denke, ich wäre sie. Zweitens ist es die Weite. Über das erste könnte man diskutieren, das zweite würde ich als mein Symbol für die Sehnsucht benennen.

Magret:
Wow. Das wäre ein Kontrast. Die Angst vs. die Sehnsucht nach demselbsen. Das gefällt mir.

Julia:
Ach wirklich, Dr. Freud? 😉

Magret:
Pass auf, sonst analysiere ich noch weiter!

Julia:
Ich muss weg 😉 Kontrast. Da hast Du recht. Ich liebe sie, fürchte mich aber auch vor ihnen. Ich bin auch selbst Kontrast. Da passt das ja mit Wald und Weite recht gut.

Magret:
Ich finde ja, deine Geschichten verstecken oft das Wesentliche, aber das Versteck (die Natur) ist zeitgleich auch ein riesiges Schild, das auf das, was eigentlich gesagt werden soll, zeigt. Auch ein Kontrast.

Julia:
Stimmt! Das gefällt mir sehr gut.

Magret:
Deine Geschichten klingen für mich immer, als sitzt du an einem Schreibtisch im Sumpf, zwischen urigen Bäumen und schaurigen Nebelschwaden. Wie schreibst du? Organisiert oder bricht es eher aus dir heraus?

Julia:
Immer brennen und wahnhaftes Schreiben. Organisieren kommt dann später. Mit Szenen skizzieren usw. Den Schreibtisch im Sumpf nehme ich sehr gern. Sumpf! Nebel! Allerdings könnte ich so wohl eher nicht schreiben, ich wäre zu abgelenkt. Schreiben kann ich am besten in reizarmer Umgebung. Außer, es ist die manische Phase. Da bin weg …

Magret:
Das kenne ich auch. Da vergesse ich Essen und Schlafen. Bist du ein Künstler das ganze Leben lang von morgens bis abends? Oder gibt es eine Trennung zum Alltag?

Julia:
Ich denke nicht. Ich habe auch einen Beruf, bei dem ich künstlerisch aktiv sein kann. Trennen muss ich den träumenden Künstler. Der steht mir im Alltag im Weg.

Magret:
Weil Künstlersein nicht strukturiert und zu emotional ist?

Julia:
Meine Künstlerin, also meine Künstlerseele ist nicht sehr gesellig. Deswegen.

Magret:
Das ist ok. So bietet dir deine Künstlerin einen Rückzugsort. Deinen persönlichen Sumpf sozusagen.

Julia:
Hm. Interessant.

Magret:
Etwas Anderes: Wie wichtig ist dir die Namensgebung? Ich denke hier als Beispiel an Lee in deiner Geschichte Lianen.

Julia:
Ach, das war einfach. Li von Lianen. Sonst ist es immer ein totaler Krampf!

Magret:
Warum? Was muss ein Name für dich erfüllen?

Julia:
Weil ich Probleme habe, passende Namen zu finden. Sie sind meist zu behaftet und nehmen mir Raum, den Prota so zu zeichnen, wie er ist. Ich fühle mich dann unflexibel. Zu festgelegt.

Magret:
Das verstehe ich.

Julia:
Namen sollen schwingen. Ich habe ja meist schwingende Persönlichkeiten in meinen Geschichten. Hennie zum Beispiel liebe ich noch immer am meisten.

Magret:
Für Sehnsuchtsfluchten hast du nicht nur geschrieben, sondern warst auch hinter den Kulissen tätig. Was genau waren deine Aufgaben?

Julia:
Ich habe Geschichten mit ausgewählt und Autoren betreut. Das war toll! Es war auch eine gute Zusammenarbeit von der organisierten Julia und der Künstlerin Julia. Die mussten gemeinsam auf der Matte stehen.

Magret:
Haben sich die beiden Julias manchmal gestritten?

Julia:
Die streiten sich doch dauernd.

Magret:
Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Julia:
Nika hat mich gefragt, ob ich mit an Bord kommen will. Ich habe sofort Ja! gesagt.

Magret:
Wie empfandst du die gemeinsame Arbeit mit den vielen Autoren?

Julia:
Tooooollll. Das ist genau das, was ich machen will! Es war Inspiration total für mich. Lehrende, beruhigende, aufwühlende, sehr lang nachhallende, motivierende Inspiration.

Magret:
Gab es auch Herausforderungen?

Julia:
Na klar! Herausfordernd war es, Reibungen die entstehen, wenn viele Menschen auf einem Haufen sind, zu etwas Konstruktivem umzuwandeln. Zumal die Kommunikation nur per Chat stattfand. Das ist schon eine große Herausforderung, wie ich finde. An alle Beteiligten.

Magret:
Aber davon gab es überraschend wenige, finde ich. Wir haben alle extrem gut zusammengearbeitet.

Julia:
Das ist richtig. Ein harmonischer Haufen.

Magret:
Was auch an euch beiden, Nika und dir, lag. Ihr habt für eine angenehme Atmosphäre gesorgt.

Julia:
Ach, vielen Dank! Mir ist es ein Anliegen. Ich will, dass es den Menschen, die um mich herum sind und mit denen ich zu tun habe, gut geht. Außer natürlich, ich kann sie nicht leiden 😉 Weniger harmonisch geht es dafür in den Geschichten zu.

Magret:
Daher kommen wir nun zur wirklich letzten Frage. Was wünschst du dir für diese Anthologie in der Zukunft?

Julia:
Ich wünsche mir, dass sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hat. Und mit ihr die Autoren, die alle sehr unterschiedlich sind, unterschiedlich schreiben, und mit einem sehr großen Thema zusammengefunden haben. Ich finde, es ist ein bemerkenswertes Projekt, da auch „Neuschreiber“ sowie erfahrene Autoren daran beteiligt sind. Neben dem Wunsch natürlich, gesehen, gelesen und gemocht zu werden, gibt es noch den, dass vielleicht andere Künstler inspiriert werden, gemeinsame Projekte zu starten. Wissen und Erfahrung auszutauschen ist es etwas, was nicht selbstverständlich ist. Besonders für das Schreiben wünsche ich es mir sehr.

Magret:
Wunderbare Abschiedsworte. Ich danke dir, Julia, für dieses tolle Gespräch.

Julia:
Der Dank gilt ganz Dir, liebe Magret! Das waren tolle Fragen. Mit versteckten Rätseln 😉

Magret:
So wie du es magst 🙂

Julia:
Genau! Ich werde verwöhnt.

Die Autorin Nika Sachs im Gespräch: „Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster!“

Allgemein, Über das Autorenleben

Ab Anfang des Monats gibt es endlich die lang ersehnte Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ zu kaufen. Fünfzehn Autoren schrieben über Emotionen – in allen erdenklichen Genres. Die Idee für dieses Experiment hatte Nika Sachs, Autorin der erfolgreichen, selbst publizierten Novelle „Namenlos“. Auf Twitter nahm sie sich für mich etwas Zeit, um mit mir über die Hintergründe des Schreibens zu sprechen.

nikas bild

Magret:
Zwei Sätze aus deinen Geschichten in der Anthologie haben mich lange nachdenken lassen: „So fühlte sich das unbestimmte Verlangen nach Seelenheil in mir an. Als ob ich erst mal ein Mensch werden müsste.“ Dieses Bild kommt in deinem Text wieder. Was bedeutet es dir, Mensch zu sein, lebendig zu sein?

Nika:
Lebendig ist für mich ein wichtiges und intensives Gefühl, das ich vom Anspruch einer Realität entkoppelt sehe. Es ist mir egal, ob ich tatsächlich existiere oder nur ein Trugbild in einer Matrix bin. Solange es sich richtig anfühlt, mich in dieser Sphäre wahrzunehmen, bin ich zufrieden.

Magret:
D.h. dauerhafte Unzufriedenheit steht mit dem Tod auf einer Ebene?

Nika:
Es bedeutet Stillstand, oder zumindest einen unangenehmen Zustand, mit dem ich mich nicht identifizieren will. Wenn der Tod bedeuten würde, dass es mir gut geht, ich ausgeglichen bin und mich darin wohlfühle, tot zu sein, wäre das auch okay.

Magret:
Heftig! Sind deine Geschichten deswegen so extrem? Deine Protagonisten scheinen oft alles auf eine Karte zu setzen.

Nika:
Na ja, im Endeffekt wissen wir ja gar nichts. Wir glauben, dass wir leben, aber wissen tut es keiner wirklich. Vielleicht hängen wir alle in einer Matrix fest und träumen? Ich bin kein Verfechter von Verschwörungstheorien, sehe das eher mit Humor. Ich glaube, es geht dem Mensch immer nur um die Begrifflichkeiten, an denen wir uns festhalten, die wissenschaftliche Erkenntnisse beschreiben, die wir zum derzeitigen Stand haben. Und wenn man etwas katalogisieren kann, wenn es in eine Schublade passt, sind wir glücklich. So geht es uns doch auch mit den Menschen, die wir so einordnen. Meine Protagonisten sind gar nicht so weit weg von der Realität, die ich beobachte. Aber ihre Konflikte sind zeitlich komprimierter, weil ein Buch einfach nicht ewig lang sein kann.

Magret:
Das ist interessant. Meine Realität, die ich beobachte, ist anders. Ich habe das Gefühl, Menschen flüchten sich eher in Stillstand. Bloß keine zu schnellen Bewegungen.

Nika:
Manchmal würde ich das auch gerne. Mein Leben passiert immer mir und ich nicht meinem Leben. Aber das ist doch gut, dass dein Umfeld, deine Realität anders sind – stell dir mal vor, wir alle würden das Gleiche erleben, die Buchwelt wäre sehr eintönig

Magret:
Oh ja. Nicht nur die Buchwelt … Du schreibst über den „hässlichen Anflug von Ironie, die mich so oft gerettet hat“. Das gefällt mir. Und deine Protagonistin hat Recht, wir verstecken uns viel zu häufig hinter der Ironie. Solche unangenehmen Wahrheiten sind immer Teil deiner Geschichten. Warum?

Nika:
Weil ich in Geschichten brutal ehrlich mit mir und dem Leben ins Gericht gehen kann, ohne mich zu verlieren. Es befreit, wenn man mal alles raus lässt, das einem im Alltag die Luft abschnürt, wenn man es sich eingesteht.  Andere Autoren wie Goethe z.B. haben ihre Protagonisten am Ende umgebracht, weil sie damit ihre eigene Situation verarbeitet haben. Ich kann das gerade nicht belegen, weiß nicht, wo ich das gelesen habe.

Magret:
Selbst wenn es am Ende mit Goethe nicht stimmen würde, wäre es eine schöne Geschichte. Das reicht mir. Erlebst du es auch manchmal, dass du dich wie getrieben fühlst, wenn du mal länger nicht zum Schreiben kommst? Wie ein dringendes Bedürfnis, das eilt.

Nika:
Absolut! Schreiben ist in mir, Erzählen ist mein Medium. Knapp vor Zeichnen und Singen. Etwas zu Papier zu bringen hat für mich einen reinigenden und berauschenden Charakter zugleich. Wenn ich nicht arbeite, platzt mein Kopf und ich werde unausstehlich.

Magret:
Dann bin ich froh, dass du so viel schreibst! Immer wieder merke ich, dass du die Königin der charmant, zynischen Dialoge bist. Welchen Stellenwert hat für dich Kommunikation in der Literatur?

Nika:
Moment, ich muss kurz ein Cool-Pack auf meine Tomatenwangen drücken … Danke! Sie hat denselben Stellenwert wie außerhalb der Literatur. Ich habe Freude an solchen Dialogen, weil ich tatsächlich so denke. Leider fallen sie mir in einer Face-to-face-Konversation oft nicht schnell genug ein; soziale Interaktion fällt mir so oder so schwer, weil mich die Anwesenheit von Menschen ablenkt und mir den Fokus auf die Worte legt. Schreiben ist Entspannung für meinen Kopf.

Magret:
Deine Geschichten wirken immer roh und echt, intellektuell und ein bisschen kaputt. Selbst dann noch, wenn fantastische Elemente dazukommen. Benutzt du das Schreiben nie als Flucht? Um dir das Leben etwas pinker und glatter zu schreiben?

Nika:
Tatsächlich: nein. Ich würde nicht mit Luc tauschen wollen. Auch nicht mit jemand anderem aus diesem Kosmos. Die Geschichten lesen sich natürlich spannend, als hätte jemand Glitzer über einen Haufen Dreck gestreut, aber sie würden sich in dem Moment genauso anfühlen: scheiße. Man merkt das erst am Ende. Ich suche Lösungen, aus solchen Situationen herauszukommen, Lösungen, die einem im realen Leben helfen können. Z.B. wann der richtige Zeitpunkt für eine Entschuldigung oder ein Geständnis ist, damit es nicht schlimmer wird. Oder auch, wann es besser ist, einfach alles zu schmeißen und was Neues zu versuchen. Ich lerne durch das Schreiben selbst, mich ein bisschen objektiver zu betrachten. Das hilft, einen klaren Kopf zu behalten.

Magret:
Das sorgt vor allem dafür, dass man mit jeder Geschichte über sich hinauswächst. Weil das Schreiben dich zum Reflektieren zwingt. In „Take it, Easy“ treffen wir Figuren, die wir später auch in deiner Romanreihe finden werden. Du hast Luc schon angesprochen. Warum spuken die Protagonisten so stark in deinem Kopf herum?

Nika:
Weil sie mich reflektieren. Sie sind alle ein Teil von mir – der eine mehr, der andere weniger. Ich bin zu einem großen Teil wie Luc und Silas. So ein Vollidiot mit Humor und auch so boshaft und verbittert. Sie kennen mich gut und ich sie, solange ich Ideen für Geschichten habe, die sich nicht wiederholen, werde ich sie erzählen lassen. So ein Alter Ego, das einem die Scheißerfahrungen vor- und nacherlebt hat schon Vorteile 😉

Magret:
Alter Ego – ein schöner Begriff für Protagonisten. Ich schätze das sind auch meine Figuren für mich.

Nika:
Ich glabe nicht, dass ich in jedem Protagonisten stecke, den ich schreibe. Erst recht nicht in dieser Intensität. Aber Empathie ist wichtig. Die lernt man nur durch viel Beobachtung, Erfahrung und Fehltritte, denke ich.

Magret:
Ich stelle es mir gerade den Moment vor, in dem du erkennst, dass Silas, Luc und die anderen fort sind. Dass es nichts mehr über sie zu sagen gibt. Das muss sehr traurig werden.

Nika:
Das stimmt. Ich glaube, diese Personen werden immer ein Teil von mir sein. In meinem Kopf existieren sie so real, als ob sie neben mir wohnen würden. Und das macht mich glücklich. Wenn sie pausieren oder von der Bühne gehen, machen sie Platz für neue Stimmen und Gesichter, die vielleicht auch ganz groß werden können. Ich freue mich darüber und von Zeit zu Zeit lese ich in meinen eigenen Texten und frage mich, woher ich die Ideen genommen habe. Es bleibt immer ein Hauch Magie hängen

Magret
Magie, ja, aber eben auch Können. Welche Eigenschaften schätzt du an dir selbst als Autorin?

Nika:
Disziplin, Selbstironie, bescheuert und sozial untauglich verträumt sein, den Hauch von Wahnsinn.

Magret:
Oh. Das beschreibt auch sehr gut deine Texte.

Nika:
Das freut mich.

Magret:
Es gefällt mir, wie schnell du deine positiven Seiten aufzählen kannst. Das zeugt auch von Reflexion.

Nika:
Auch ein Teil der Selbstironie. Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster. Das Glas ist halb voll oder halb leer oder die Frage, ob Gin Tonic oder Wasser drin ist. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, sind auch die Verfehlungen plötzlich weniger wichtig. Das hilft dabei, immer weiter zu machen

Magret:
Mir wurde mal gesagt, ein Autor habe die wertvolle Fähigkeit, aus seiner Scheiße Gold zu machen. Dieser Satz hat mich stark geprägt. Und ich finde es auch bei dir wieder.

Nika:
Das stimmt. Man muss nur eines bedenken: Das, was für andere glänzt wie Gold, ist unter der Oberfläche immer noch Scheiße. Für mich als Autorin ist es schwer, zu entspannen. Das Leben inspiriert mich andauernd oder bremst mich, ich zweifle, hadere und frage mich auch mit 30 noch, wo ich hingehöre. Diese rastlose Suche ist eine gute kreative Quelle, aber eben auch eine Bürde.

Magret:
Spürst du keine Erleichterung, wenn du darüber geschrieben hast?

Nika:
Ja und nein. Nach dem Buch ist immer vor dem Buch. Aber ich es zeigt mir, dass ich eine Aufgabe habe und das macht mir Hoffnung, das Richtige für mich zu tun.

Magret:
Das stimmt. Schreiben schafft Struktur und Sinn. Schreiben ist eigentlich auch etwas Einsames. Man ist beim Prozess immer alleine. Mit „Sehnsuchtsfluchten“ hast du es teilweise zu etwas Gemeinsamen gemacht.   Wie kamst du auf die Idee, eine Anthologie herauszubringen?

Nika:
Das ist richtig und genau deshalb war das Projekt auch so spannend! Ursprünglich dachte ich, es wäre mal interessant, zu sehen, was passiert, wenn man unterschiedliche Genres in einen Rahmen packt. Und daraus wurden fünfzehn Autoren mit beinahe 30 Geschichten, die alle wie ein Zahnradgetriebe harmonisieren. Aus dem Text-Experiment wurde ein Sozial-Experiment, bei dem wir in sehr kurzer Zeit sehr viel gelernt haben: Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit, Kollegialität, Kreativität und Marketing. Es war anstrengend und ist mit Sicherheit nicht immer koordiniert und fehlerfrei gelaufen, aber ich finde, für den Stand, den wir alle hatten, ist es rasant sehr professionell geworden.

Magret:
Von Anfang an fühlte sich alles gut an. Vor allem, weil jeder einzelne bereit war, hart zu arbeiten. Es wurden Deadlines eingehalten, es wurden Sachen abgestimmt und vor allem wurde sehr viel inspirierender Unsinn geredet. Diese lockere, doch engagierte Atmosphäre haben wir vor allem dir zu verdanken, denn du hast uns zusammengebracht und -gehalten. Wie empfandst du die Zusammenarbeit mit den vielen unterschiedlichen Autoren?

Nika:
Das tut gut, dass du das sagst! In erster Linie war es viel Arbeit, ich war oft unsicher, ob wir alles richtigmachen. Aber mit der Zeit wurde es entspannter und die Energie, die ihr versprüht habt, hat mich angesteckt. Es war unglaublich cool, diesen Ehrgeiz bei euch zu verfolgen und zu wissen: das wird ein tolles Buch. Jederzeit wieder, gerne auch mit derselben Truppe!

Magret:
Da wäre ich auf jeden Fall auch wieder dabei! Aber erst mal kommt die Genussphase, denn unsere Anthologie ist draußen. Was wünscht du dir für Sehnsuchtsfluchten?

Nika:
Dass wir die Kosten der Herstellung decken und nach Abzug des Finanzamts noch genug übrigbleibt, damit wir ein bisschen dekadent feiern können 🙂 und, dass wir alle einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen, viele Leser begeistern und es vielleicht sogar in den einen oder anderen Buchladen schaffen.

Magret:
Das sind gute Wünsche. Ich freue mich auf deren Erfüllung! Ich danke dir, Nika, für das Gespräch. Es wird noch eine Weile bei mir nachhallen.

Nika:
Bei mir auch, hat wirklich viel Freude gemacht! Vielen Dank 🙂

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