News

Liste: Autoren bei Twitter

Seit ich Twitter als Autorin nutze und dort mit einigen vernetzt bin, die ebenfalls schreiben, habe ich einen großen Sprung gemacht. Natürlich geht es auch um die Hilfe, denn man kann Fragen stellen, bekommt interessante Links für Autoren, Selfpublishern, etc. mit, aber vor allem schätze ich das Gefühl, verstanden zu werden. Daher möchte ich etwas zurückgeben. Vor einigen Tagen startete ich einen Aufruf nach Autoren auf Twitter und die Ergebnisse möchte ich hier präsentieren.

Natürich kam die Diskussion auf: Wer ist ein Autor? Sicherlich jeder, wer schon mal ein Wort schrieb (Autor des Einkaufszettels, Autor dieses Blogbeitrags, …), doch hier geht es um Inspiration, Wissensvermittlung, ein Netzwerk. Daher lautet die Definition für diese Liste: Autor ist der, der Literarisches veröffentlicht hat. Dabei zählt nicht das Medium, daher reicht auch Lyrik auf dem Blog, Kurzprosa, ein angefangener Roman auf Wattpad.

Das ist keine vollständige Liste. (Sie kann gerne in den Kommentaren weitergeführt werden.) Sie ist nicht sortiert und vor allem gibt es keine Bewertung meinerseits! Ich freue mich auf mehr Vernetzung von deutschsprachigen Autoren!


@Ridani76
@TanjaHanika

@carina_schnell
@augenschelm
@wortezimmer @EleaBrandt@nike_leonhard
@bicyclist
@JuliaInNathen

@KaiMeyer@Roland_Rundkopf
@SrhKng

@julestrel
@MaagicAuthor

@AleksandrVoinov
@Harborlight82 @StreunerBuch




 

Advertisements

Im Gespräch mit der Autorin Julia von Rein-Hrubesch: „Immer brennen und wahnhaftes Schreiben!“

Julia von Rein-Hrubesch, Autorin zahlreicher Novellen und Romanen, schrieb nicht nur für die neu erschienene Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, sondern war auch hinter den Kulissen tätig. Über Twitter liefern wir uns eine Wortschlacht über Rätsel, Bedeutungen und natürlich, wie es hinter dem Vorhang aussah.

Magret:
Ok, Julia. Heute fangen wir mal hart an. Lass uns über Rätsel reden. Was bedeuten sie für dich und deine Werke?

Julia:
So ziemlich alles. Ich möchte in jeder Geschichte ein Rätsel finden, so klein es auch sein mag. Am besten ist es natürlich, dem Autor gelingt es, dass ich über mich selbst rätsle. Was meine Werke betrifft, so ist es mir natürlich genauso wichtig, kleine Rätsel einzuflechten. Vielleicht auch ein großes. Hier stelle ich dieselben Anforderungen an mich selbst wie an einen Autor, den ich lese.

Magret:
Die Rätsel entstehen bei dir viel, da du sehr subtil schreibst. Das Eigentliche geschieht oft zwischen den Zeilen. Inwieweit erwartest du vom Leser Interpretation?

Julia:
Da liegt meine Erwartungshaltung sehr hoch 😉

Magret:
Sollen deine Geschichten überhaupt ganz verstanden werden?

Julia:
Ach Du 🙂 Diese Frage kennt die Antwort doch bereits.

Magret:
Das stimmt. Da hast du mich ertappt. Vielleicht habe ich gehofft, dich ein wenig zu enträtseln!

Julia:
Ich mag keine Rätsel, für die man eine Reise beginnt, an deren Ende es eine eindeutige Lösung gibt. Ich schreibe und lese ja am liebsten über die Menschen. Sie sind auch keine Formel mit einer klaren Lösung.

Magret:
Das spiegelt ja auch wieder, wie deine Geschichten nie ein HAPPY END haben können. Nie wird es heißen: „So ist es, so ist es gut.“ Das macht dich zum Fantast und Realisten gleichzeitig, oder?

Julia:
Ah, so schön gesagt! Ja! Das ist ab sofort mein Titel. Danke, liebe Magret.

Magret:
Gern geschehen! Ich habe jetzt schon einiges von dir gelesen und immer wieder fällt mir auf, welchen großen Stellenwert die Natur in deinen Geschichten hat, auch wieder in denen in der Anthologie. Warum zieht dich das so an?

Julia:
Die Natur … Sie habe ich als Kind geliebt und sie dann für eine längere Zeit vergessen. Erst in den letzten Jahren habe ich gespürt, wie sehr es mich zu ihr zieht. Und jetzt bin ich regelrecht besessen. Ich bin früher viel gestromert. Kennst Du den Ausdruck? Vielleicht ist das jetztige Stromern Erinnerung daran. Zurückholen von Dingen.

Magret:
Ja, stromern kenne ich. Das vermisse ich auch. Aber dafür braucht man viel Zeit und Geduld, weil man ziellos sein können muss. Das heißt, du gehst beim Schreiben deinem Verlangen nach. Baust du dir damit deine eigene Welt?

Julia:
Nein. Vielleicht, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Inzwischen will ich mich selbst herausfordern. Ich zeichne eine Welt, ja, aber es ist eine, in der ich nicht leben wollen würde. Nein, das ist nicht richtig formuliert. Sagen wir, ich lege Stolpersteine, bei denen ich lange überlegen muss, wie ich sie überwinde, würden sie in meiner echten Welt da sein. Ich will kein Wohlfühlschreiben.

Magret:
Schreiben als Wachstum. Das ist spannend. Warum nicht? Oder anders gefragt: welchen Zweck sollen deine Texte erfüllen?

Julia:
Ach, jetzt kommt sie mir damit 😉 Die Zweckfrage … In letzter Zeit häuft es sich, dass Menschen meine Geschichten lesen und sagen, das ist genau das, was sie brauchen. Auch wenn es unbequem ist. Dann denke ich, diese Menschen und mich, uns verbindet etwas. Eine Schnittstelle. Ich bin großer Fan von Schnittstellen 😉 Wenn diese Menschen meine Geschichten finden und andersherum, dann würde ich von Zweckerfüllen sprechen.

Magret:
Oh ja. So erging es mir auch mit deinen Pappeln. Deine Texte offenbaren die Stolpersteine deiner Leser.

Julia:
Das ist toll! Das wünsche ich mir! Allerdings greift hier wieder die Erwartungshaltung. Man muss es zulassen, die Steine zu erkennen.

Magret:
Gut, das ist ja bei jedem Werk/Leser so. Alles zur richtigen Zeit. Ich möchte noch einmal auf die Natur zu sprechen kommen. In der Literatur ist sie ein beliebtes Symbol. Bei Homo Faber ist es die fruchtbare Weiblichkeit, bei Effi Briest die Zukunftsvoraussage. Welche Symbolik erfüllt sie für dich?

Julia:
Uff.

Magret:
Hahahaha

Julia:
Solche Aussagen werden doch von anderen getroffen, nicht vom Autor selbst, oder?

Magret:
Wenn du es so möchtest. Du bist Autor. Theoretisch musst du überhaupt nichts über deine Werke sagen.

Julia:
Du bist hartnäckig. Okay, es sind zwei Dinge, die mich umtreiben. Da ist einmal der tiefe dunkle Wald. Ich erzählte Dir ja bereits von der Frau im Wald, vor der ich manchmal Angst habe, weil ich denke, ich wäre sie. Zweitens ist es die Weite. Über das erste könnte man diskutieren, das zweite würde ich als mein Symbol für die Sehnsucht benennen.

Magret:
Wow. Das wäre ein Kontrast. Die Angst vs. die Sehnsucht nach demselbsen. Das gefällt mir.

Julia:
Ach wirklich, Dr. Freud? 😉

Magret:
Pass auf, sonst analysiere ich noch weiter!

Julia:
Ich muss weg 😉 Kontrast. Da hast Du recht. Ich liebe sie, fürchte mich aber auch vor ihnen. Ich bin auch selbst Kontrast. Da passt das ja mit Wald und Weite recht gut.

Magret:
Ich finde ja, deine Geschichten verstecken oft das Wesentliche, aber das Versteck (die Natur) ist zeitgleich auch ein riesiges Schild, das auf das, was eigentlich gesagt werden soll, zeigt. Auch ein Kontrast.

Julia:
Stimmt! Das gefällt mir sehr gut.

Magret:
Deine Geschichten klingen für mich immer, als sitzt du an einem Schreibtisch im Sumpf, zwischen urigen Bäumen und schaurigen Nebelschwaden. Wie schreibst du? Organisiert oder bricht es eher aus dir heraus?

Julia:
Immer brennen und wahnhaftes Schreiben. Organisieren kommt dann später. Mit Szenen skizzieren usw. Den Schreibtisch im Sumpf nehme ich sehr gern. Sumpf! Nebel! Allerdings könnte ich so wohl eher nicht schreiben, ich wäre zu abgelenkt. Schreiben kann ich am besten in reizarmer Umgebung. Außer, es ist die manische Phase. Da bin weg …

Magret:
Das kenne ich auch. Da vergesse ich Essen und Schlafen. Bist du ein Künstler das ganze Leben lang von morgens bis abends? Oder gibt es eine Trennung zum Alltag?

Julia:
Ich denke nicht. Ich habe auch einen Beruf, bei dem ich künstlerisch aktiv sein kann. Trennen muss ich den träumenden Künstler. Der steht mir im Alltag im Weg.

Magret:
Weil Künstlersein nicht strukturiert und zu emotional ist?

Julia:
Meine Künstlerin, also meine Künstlerseele ist nicht sehr gesellig. Deswegen.

Magret:
Das ist ok. So bietet dir deine Künstlerin einen Rückzugsort. Deinen persönlichen Sumpf sozusagen.

Julia:
Hm. Interessant.

Magret:
Etwas Anderes: Wie wichtig ist dir die Namensgebung? Ich denke hier als Beispiel an Lee in deiner Geschichte Lianen.

Julia:
Ach, das war einfach. Li von Lianen. Sonst ist es immer ein totaler Krampf!

Magret:
Warum? Was muss ein Name für dich erfüllen?

Julia:
Weil ich Probleme habe, passende Namen zu finden. Sie sind meist zu behaftet und nehmen mir Raum, den Prota so zu zeichnen, wie er ist. Ich fühle mich dann unflexibel. Zu festgelegt.

Magret:
Das verstehe ich.

Julia:
Namen sollen schwingen. Ich habe ja meist schwingende Persönlichkeiten in meinen Geschichten. Hennie zum Beispiel liebe ich noch immer am meisten.

Magret:
Für Sehnsuchtsfluchten hast du nicht nur geschrieben, sondern warst auch hinter den Kulissen tätig. Was genau waren deine Aufgaben?

Julia:
Ich habe Geschichten mit ausgewählt und Autoren betreut. Das war toll! Es war auch eine gute Zusammenarbeit von der organisierten Julia und der Künstlerin Julia. Die mussten gemeinsam auf der Matte stehen.

Magret:
Haben sich die beiden Julias manchmal gestritten?

Julia:
Die streiten sich doch dauernd.

Magret:
Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Julia:
Nika hat mich gefragt, ob ich mit an Bord kommen will. Ich habe sofort Ja! gesagt.

Magret:
Wie empfandst du die gemeinsame Arbeit mit den vielen Autoren?

Julia:
Tooooollll. Das ist genau das, was ich machen will! Es war Inspiration total für mich. Lehrende, beruhigende, aufwühlende, sehr lang nachhallende, motivierende Inspiration.

Magret:
Gab es auch Herausforderungen?

Julia:
Na klar! Herausfordernd war es, Reibungen die entstehen, wenn viele Menschen auf einem Haufen sind, zu etwas Konstruktivem umzuwandeln. Zumal die Kommunikation nur per Chat stattfand. Das ist schon eine große Herausforderung, wie ich finde. An alle Beteiligten.

Magret:
Aber davon gab es überraschend wenige, finde ich. Wir haben alle extrem gut zusammengearbeitet.

Julia:
Das ist richtig. Ein harmonischer Haufen.

Magret:
Was auch an euch beiden, Nika und dir, lag. Ihr habt für eine angenehme Atmosphäre gesorgt.

Julia:
Ach, vielen Dank! Mir ist es ein Anliegen. Ich will, dass es den Menschen, die um mich herum sind und mit denen ich zu tun habe, gut geht. Außer natürlich, ich kann sie nicht leiden 😉 Weniger harmonisch geht es dafür in den Geschichten zu.

Magret:
Daher kommen wir nun zur wirklich letzten Frage. Was wünschst du dir für diese Anthologie in der Zukunft?

Julia:
Ich wünsche mir, dass sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hat. Und mit ihr die Autoren, die alle sehr unterschiedlich sind, unterschiedlich schreiben, und mit einem sehr großen Thema zusammengefunden haben. Ich finde, es ist ein bemerkenswertes Projekt, da auch „Neuschreiber“ sowie erfahrene Autoren daran beteiligt sind. Neben dem Wunsch natürlich, gesehen, gelesen und gemocht zu werden, gibt es noch den, dass vielleicht andere Künstler inspiriert werden, gemeinsame Projekte zu starten. Wissen und Erfahrung auszutauschen ist es etwas, was nicht selbstverständlich ist. Besonders für das Schreiben wünsche ich es mir sehr.

Magret:
Wunderbare Abschiedsworte. Ich danke dir, Julia, für dieses tolle Gespräch.

Julia:
Der Dank gilt ganz Dir, liebe Magret! Das waren tolle Fragen. Mit versteckten Rätseln 😉

Magret:
So wie du es magst 🙂

Julia:
Genau! Ich werde verwöhnt.

Die Autorin Nika Sachs im Gespräch: „Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster!“

Ab Anfang des Monats gibt es endlich die lang ersehnte Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ zu kaufen. Fünfzehn Autoren schrieben über Emotionen – in allen erdenklichen Genres. Die Idee für dieses Experiment hatte Nika Sachs, Autorin der erfolgreichen, selbst publizierten Novelle „Namenlos“. Auf Twitter nahm sie sich für mich etwas Zeit, um mit mir über die Hintergründe des Schreibens zu sprechen.

nikas bild

Magret:
Zwei Sätze aus deinen Geschichten in der Anthologie haben mich lange nachdenken lassen: „So fühlte sich das unbestimmte Verlangen nach Seelenheil in mir an. Als ob ich erst mal ein Mensch werden müsste.“ Dieses Bild kommt in deinem Text wieder. Was bedeutet es dir, Mensch zu sein, lebendig zu sein?

Nika:
Lebendig ist für mich ein wichtiges und intensives Gefühl, das ich vom Anspruch einer Realität entkoppelt sehe. Es ist mir egal, ob ich tatsächlich existiere oder nur ein Trugbild in einer Matrix bin. Solange es sich richtig anfühlt, mich in dieser Sphäre wahrzunehmen, bin ich zufrieden.

Magret:
D.h. dauerhafte Unzufriedenheit steht mit dem Tod auf einer Ebene?

Nika:
Es bedeutet Stillstand, oder zumindest einen unangenehmen Zustand, mit dem ich mich nicht identifizieren will. Wenn der Tod bedeuten würde, dass es mir gut geht, ich ausgeglichen bin und mich darin wohlfühle, tot zu sein, wäre das auch okay.

Magret:
Heftig! Sind deine Geschichten deswegen so extrem? Deine Protagonisten scheinen oft alles auf eine Karte zu setzen.

Nika:
Na ja, im Endeffekt wissen wir ja gar nichts. Wir glauben, dass wir leben, aber wissen tut es keiner wirklich. Vielleicht hängen wir alle in einer Matrix fest und träumen? Ich bin kein Verfechter von Verschwörungstheorien, sehe das eher mit Humor. Ich glaube, es geht dem Mensch immer nur um die Begrifflichkeiten, an denen wir uns festhalten, die wissenschaftliche Erkenntnisse beschreiben, die wir zum derzeitigen Stand haben. Und wenn man etwas katalogisieren kann, wenn es in eine Schublade passt, sind wir glücklich. So geht es uns doch auch mit den Menschen, die wir so einordnen. Meine Protagonisten sind gar nicht so weit weg von der Realität, die ich beobachte. Aber ihre Konflikte sind zeitlich komprimierter, weil ein Buch einfach nicht ewig lang sein kann.

Magret:
Das ist interessant. Meine Realität, die ich beobachte, ist anders. Ich habe das Gefühl, Menschen flüchten sich eher in Stillstand. Bloß keine zu schnellen Bewegungen.

Nika:
Manchmal würde ich das auch gerne. Mein Leben passiert immer mir und ich nicht meinem Leben. Aber das ist doch gut, dass dein Umfeld, deine Realität anders sind – stell dir mal vor, wir alle würden das Gleiche erleben, die Buchwelt wäre sehr eintönig

Magret:
Oh ja. Nicht nur die Buchwelt … Du schreibst über den „hässlichen Anflug von Ironie, die mich so oft gerettet hat“. Das gefällt mir. Und deine Protagonistin hat Recht, wir verstecken uns viel zu häufig hinter der Ironie. Solche unangenehmen Wahrheiten sind immer Teil deiner Geschichten. Warum?

Nika:
Weil ich in Geschichten brutal ehrlich mit mir und dem Leben ins Gericht gehen kann, ohne mich zu verlieren. Es befreit, wenn man mal alles raus lässt, das einem im Alltag die Luft abschnürt, wenn man es sich eingesteht.  Andere Autoren wie Goethe z.B. haben ihre Protagonisten am Ende umgebracht, weil sie damit ihre eigene Situation verarbeitet haben. Ich kann das gerade nicht belegen, weiß nicht, wo ich das gelesen habe.

Magret:
Selbst wenn es am Ende mit Goethe nicht stimmen würde, wäre es eine schöne Geschichte. Das reicht mir. Erlebst du es auch manchmal, dass du dich wie getrieben fühlst, wenn du mal länger nicht zum Schreiben kommst? Wie ein dringendes Bedürfnis, das eilt.

Nika:
Absolut! Schreiben ist in mir, Erzählen ist mein Medium. Knapp vor Zeichnen und Singen. Etwas zu Papier zu bringen hat für mich einen reinigenden und berauschenden Charakter zugleich. Wenn ich nicht arbeite, platzt mein Kopf und ich werde unausstehlich.

Magret:
Dann bin ich froh, dass du so viel schreibst! Immer wieder merke ich, dass du die Königin der charmant, zynischen Dialoge bist. Welchen Stellenwert hat für dich Kommunikation in der Literatur?

Nika:
Moment, ich muss kurz ein Cool-Pack auf meine Tomatenwangen drücken … Danke! Sie hat denselben Stellenwert wie außerhalb der Literatur. Ich habe Freude an solchen Dialogen, weil ich tatsächlich so denke. Leider fallen sie mir in einer Face-to-face-Konversation oft nicht schnell genug ein; soziale Interaktion fällt mir so oder so schwer, weil mich die Anwesenheit von Menschen ablenkt und mir den Fokus auf die Worte legt. Schreiben ist Entspannung für meinen Kopf.

Magret:
Deine Geschichten wirken immer roh und echt, intellektuell und ein bisschen kaputt. Selbst dann noch, wenn fantastische Elemente dazukommen. Benutzt du das Schreiben nie als Flucht? Um dir das Leben etwas pinker und glatter zu schreiben?

Nika:
Tatsächlich: nein. Ich würde nicht mit Luc tauschen wollen. Auch nicht mit jemand anderem aus diesem Kosmos. Die Geschichten lesen sich natürlich spannend, als hätte jemand Glitzer über einen Haufen Dreck gestreut, aber sie würden sich in dem Moment genauso anfühlen: scheiße. Man merkt das erst am Ende. Ich suche Lösungen, aus solchen Situationen herauszukommen, Lösungen, die einem im realen Leben helfen können. Z.B. wann der richtige Zeitpunkt für eine Entschuldigung oder ein Geständnis ist, damit es nicht schlimmer wird. Oder auch, wann es besser ist, einfach alles zu schmeißen und was Neues zu versuchen. Ich lerne durch das Schreiben selbst, mich ein bisschen objektiver zu betrachten. Das hilft, einen klaren Kopf zu behalten.

Magret:
Das sorgt vor allem dafür, dass man mit jeder Geschichte über sich hinauswächst. Weil das Schreiben dich zum Reflektieren zwingt. In „Take it, Easy“ treffen wir Figuren, die wir später auch in deiner Romanreihe finden werden. Du hast Luc schon angesprochen. Warum spuken die Protagonisten so stark in deinem Kopf herum?

Nika:
Weil sie mich reflektieren. Sie sind alle ein Teil von mir – der eine mehr, der andere weniger. Ich bin zu einem großen Teil wie Luc und Silas. So ein Vollidiot mit Humor und auch so boshaft und verbittert. Sie kennen mich gut und ich sie, solange ich Ideen für Geschichten habe, die sich nicht wiederholen, werde ich sie erzählen lassen. So ein Alter Ego, das einem die Scheißerfahrungen vor- und nacherlebt hat schon Vorteile 😉

Magret:
Alter Ego – ein schöner Begriff für Protagonisten. Ich schätze das sind auch meine Figuren für mich.

Nika:
Ich glabe nicht, dass ich in jedem Protagonisten stecke, den ich schreibe. Erst recht nicht in dieser Intensität. Aber Empathie ist wichtig. Die lernt man nur durch viel Beobachtung, Erfahrung und Fehltritte, denke ich.

Magret:
Ich stelle es mir gerade den Moment vor, in dem du erkennst, dass Silas, Luc und die anderen fort sind. Dass es nichts mehr über sie zu sagen gibt. Das muss sehr traurig werden.

Nika:
Das stimmt. Ich glaube, diese Personen werden immer ein Teil von mir sein. In meinem Kopf existieren sie so real, als ob sie neben mir wohnen würden. Und das macht mich glücklich. Wenn sie pausieren oder von der Bühne gehen, machen sie Platz für neue Stimmen und Gesichter, die vielleicht auch ganz groß werden können. Ich freue mich darüber und von Zeit zu Zeit lese ich in meinen eigenen Texten und frage mich, woher ich die Ideen genommen habe. Es bleibt immer ein Hauch Magie hängen

Magret
Magie, ja, aber eben auch Können. Welche Eigenschaften schätzt du an dir selbst als Autorin?

Nika:
Disziplin, Selbstironie, bescheuert und sozial untauglich verträumt sein, den Hauch von Wahnsinn.

Magret:
Oh. Das beschreibt auch sehr gut deine Texte.

Nika:
Das freut mich.

Magret:
Es gefällt mir, wie schnell du deine positiven Seiten aufzählen kannst. Das zeugt auch von Reflexion.

Nika:
Auch ein Teil der Selbstironie. Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster. Das Glas ist halb voll oder halb leer oder die Frage, ob Gin Tonic oder Wasser drin ist. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, sind auch die Verfehlungen plötzlich weniger wichtig. Das hilft dabei, immer weiter zu machen

Magret:
Mir wurde mal gesagt, ein Autor habe die wertvolle Fähigkeit, aus seiner Scheiße Gold zu machen. Dieser Satz hat mich stark geprägt. Und ich finde es auch bei dir wieder.

Nika:
Das stimmt. Man muss nur eines bedenken: Das, was für andere glänzt wie Gold, ist unter der Oberfläche immer noch Scheiße. Für mich als Autorin ist es schwer, zu entspannen. Das Leben inspiriert mich andauernd oder bremst mich, ich zweifle, hadere und frage mich auch mit 30 noch, wo ich hingehöre. Diese rastlose Suche ist eine gute kreative Quelle, aber eben auch eine Bürde.

Magret:
Spürst du keine Erleichterung, wenn du darüber geschrieben hast?

Nika:
Ja und nein. Nach dem Buch ist immer vor dem Buch. Aber ich es zeigt mir, dass ich eine Aufgabe habe und das macht mir Hoffnung, das Richtige für mich zu tun.

Magret:
Das stimmt. Schreiben schafft Struktur und Sinn. Schreiben ist eigentlich auch etwas Einsames. Man ist beim Prozess immer alleine. Mit „Sehnsuchtsfluchten“ hast du es teilweise zu etwas Gemeinsamen gemacht.   Wie kamst du auf die Idee, eine Anthologie herauszubringen?

Nika:
Das ist richtig und genau deshalb war das Projekt auch so spannend! Ursprünglich dachte ich, es wäre mal interessant, zu sehen, was passiert, wenn man unterschiedliche Genres in einen Rahmen packt. Und daraus wurden fünfzehn Autoren mit beinahe 30 Geschichten, die alle wie ein Zahnradgetriebe harmonisieren. Aus dem Text-Experiment wurde ein Sozial-Experiment, bei dem wir in sehr kurzer Zeit sehr viel gelernt haben: Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit, Kollegialität, Kreativität und Marketing. Es war anstrengend und ist mit Sicherheit nicht immer koordiniert und fehlerfrei gelaufen, aber ich finde, für den Stand, den wir alle hatten, ist es rasant sehr professionell geworden.

Magret:
Von Anfang an fühlte sich alles gut an. Vor allem, weil jeder einzelne bereit war, hart zu arbeiten. Es wurden Deadlines eingehalten, es wurden Sachen abgestimmt und vor allem wurde sehr viel inspirierender Unsinn geredet. Diese lockere, doch engagierte Atmosphäre haben wir vor allem dir zu verdanken, denn du hast uns zusammengebracht und -gehalten. Wie empfandst du die Zusammenarbeit mit den vielen unterschiedlichen Autoren?

Nika:
Das tut gut, dass du das sagst! In erster Linie war es viel Arbeit, ich war oft unsicher, ob wir alles richtigmachen. Aber mit der Zeit wurde es entspannter und die Energie, die ihr versprüht habt, hat mich angesteckt. Es war unglaublich cool, diesen Ehrgeiz bei euch zu verfolgen und zu wissen: das wird ein tolles Buch. Jederzeit wieder, gerne auch mit derselben Truppe!

Magret:
Da wäre ich auf jeden Fall auch wieder dabei! Aber erst mal kommt die Genussphase, denn unsere Anthologie ist draußen. Was wünscht du dir für Sehnsuchtsfluchten?

Nika:
Dass wir die Kosten der Herstellung decken und nach Abzug des Finanzamts noch genug übrigbleibt, damit wir ein bisschen dekadent feiern können 🙂 und, dass wir alle einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen, viele Leser begeistern und es vielleicht sogar in den einen oder anderen Buchladen schaffen.

Magret:
Das sind gute Wünsche. Ich freue mich auf deren Erfüllung! Ich danke dir, Nika, für das Gespräch. Es wird noch eine Weile bei mir nachhallen.

Nika:
Bei mir auch, hat wirklich viel Freude gemacht! Vielen Dank 🙂

titelbild_2

So viele Emotionen und tolle Autoren: Die Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“

Mitte August erscheint der Kurzgeschichtenband „Sehnsuchtsfluchten“, in dem Magret Kindermann neben vierzehn weiteren Autoren vertreten ist. Die Herausgeber sind Nika Sachs und Julia von Rein-Hrubesch. Die Organisation lief größtenteils über eine Twittergruppe, in der alle Autoren fleißig diskutierten und abstimmten. Magrets Geschichte hat den Titel: „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Die Autoren sind eine lebendige Mischung aus Jungautoren, die zuvor noch nie etwas veröffentlicht haben, und welchen, die schon Erfolg schnuppern durften, wie Nicole Neubauer. Einmal quer durch die deutsche Literaturlandschaft sozusagen.

 

Magret Kindermann im Interview: die neue Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“

Julia von Rein-Hrubesch, ebenfalls Autorin, stellt herrliche Fragen über Emotionen, Symbolik und die Wahl des Erzählers. Dabei wird auch aufgedeckt, wie man sich mit Orangen glücklich futtern kann! Hier geht es zum Interview.

titelbild_2

„Zwei Königinnen“ anlesen: die ersten 30 Seiten

ERSTES KAPITEL

Ihre Finger waren immer auf der Suche nach Berührung, sie griffen und tasteten viel begieriger als Elins. Sie befühlten die Kante der kleinen Pappkarte, auf der die Wartenummer stand, sie untersuchten sie streichelnd von einer Ecke zur nächsten, den kleinen Finger in die Luft gestreckt. Obwohl Elin weit weg einige Sitzreihen von ihr entfernt saß und nicht diese fremde Frau war, glaubte sie, die Karte auf ihren Fingerkuppen spüren zu können, Pappe auf Haut. Sie meinte sogar, die Berührung als leichtes Kratzen zu hören. Sie schaute auf ihre Hände und nun waren sie wie die der Fremden, nicht mehr schmal und mit spitz zulaufenden Fingern, sondern rund endend und ruhelos auf der Suche. Die Haut auf den äußeren Händen war dunkel wie Mahagoni, die Innenflächen waren fast so hell wie Elins. Die tiefen Linien auf den Handflächen erzählten von einem fremden Leben. Eine kalte Woge fuhr Elins Rückenmark entlang, fast glaubte sie die fremde Frau zu kennen.

Wieder blickte sie zu ihr. Ihre Brüste waren größer als ihre und Elin spürte, wie sie sie bei jedem Atemzug anhob und wie der enge BH das weiche Fleisch in ein festes Paket verpackte. Auf ihren Knien saß ein Junge, nicht älter als vier, und er blätterte laut plappernd in einem Buch mit dicken Pappseiten. ››Es gibt auch viel größere Käfer, aber der war nur klein und saß auf meiner Hand, und ich wollte ihn küssen, aber er war zu klein‹‹, erzählte er. Seine Mutter – die Elin nun war – schlug vor, er hätte ihm einen Kuss durch die Luft schicken können, denn diese sei immer in Bewegung, es gäbe keine Luft ohne Wind. (››Stimmt das?‹‹, dachte das alte Ich Elins, aber sie hörte nicht hin.) Der Junge blickte hoch, liebte die Geschichte, doch sein Lachen verriet, dass er ihr nicht glaubte. Elin spürte den Blick einer Mutter, der auf ihren Sohn fällt, und die Liebe darin trieb ihr Tränen in die Augen. Eine Welle warmen Glücks rollte über sie hinweg und die Hitze schwemmte sie zurück in ihren eigenen Körper.

Sie schaute zu der Mutter, wie sie ihre Pappkarte streichelte und Geschichten für ihren Sohn erzählte. Sie war wieder eine Fremde. Elin umfasste ihren eigenen Körper mit ihren Armen. Ihr schwindelte, wie immer, wenn sie darüber nachdachte, wie zufällig sie nur ausgerechnet Elin war und wie anders die Welt sein musste, wenn man sie mit einem anderen Körper beging, mit anderen Augen betrachtete. Wie anders und wie ähnlich. Ihr Blut rauschte und die Wärme ihres Gedankenspiels verließ sie, sie fröstelte.

Elin war die geborene Beobachterin, ihr Äußeres unauffällig und gewöhnlich. Sie war weder besonders groß noch klein, ihre Haare fielen glatt auf die Schultern und die Farbe lag zwischen dunkelblond und hellbraun ohne viel Licht zu reflektieren. Ihre Gesichtszüge waren angenehm anzusehen, aber nicht interessant genug, um zu verweilen. Sie bewegte sich besonnen und ruhig, ihre Blicke drängten sich nie genug auf, um aufzufallen. Aber sie konnte in fremde Körper eintauchen, immer als stiller Gast, niemals besitzergreifend. Und während sie sich von den Menschen wieder zurückzog und sie alleine ließ, blieb nichts von ihr zurück, aber sie nahm von jedem etwas mit.

Sie blickte auf ihre spitzen Finger hinab, auch sie hielten eine Pappkarte. Sie betastete sie wie sie es bei der Frau gesehen hatte. Die fremde Bewegung fühlte sich wie ein anderes Leben an.

Sie war am Bahnhof, einer dieser Sorte, mit denen man auch andere Planeten erreichen konnte. Wortfetzen hallten durch das Gebäude und um sie herum setzten sich Leute oder standen wieder auf, weil sie an der Reihe waren. Sie waren alle in graues Licht getaucht, das durch die hohe aus kleinen Fenstern bestehende Kuppel fiel. Die große Halle ließ jeden Menschen bedeutungslos wirken, das gewölbte Glasdach schien so weit entfernt wie der Himmel und tatsächlich konnte man ein großes Stück davon sehen, Wolkengruppen in den verschiedensten Grautönen oder an seltenen Tagen ein strahlendes Blau. Das Wetter tauchte die Halle in stimmungsvolle Lichtspiele und nicht selten erkannte so mancher sie nicht wieder, der sie nur an regenreichen Tagen kannte und nun zum ersten Mal in einem sonnigen Moment durch den Eingang schritt.

Elin streckte sich, um wieder Leben in ihren eigenen Körper zu bringen. Eine blasse Frau mit schwerem Blick, die neben ihr gesessen hatte, stand auf und lief mit schaukelnder, fast den Boden berührender Tasche zu der Sicherheitsschranke, die man vor dem Reisen passieren musste.

Elins Nummer von ihrer Pappkarte erschien auf dem großen Bildschirm über ihnen, zusammen mit einer 1, die für die Kabinennummer stand. Auf dem Weg dorthin musste sie durch die Sicherheitsschranke und eine Frau in hellblauer Uniform und mit Augen wie Stahl sah sich ihre ID an.

››Zweck der Reise?‹‹, fragte sie.

››Ein beruflicher Termin.‹‹ Elin schlüpfte in eine Maske und gab sich professionell und routiniert.

Der Blick der Angestellten wich nicht von der ID-Karte ab. ››Wann reisen Sie zurück?‹‹

››Noch heute Abend.‹‹

››Wann haben Sie das letzte Mal etwas gegessen?‹‹

››Vor vier Stunden.‹‹

››Irgendetwas aus Eisen dabei?‹‹

››Nein.‹‹

Obwohl die Standart-Prozedur jedes Mal die gleiche war, befiel Elin eine Unruhe, als würde etwas nicht stimmen. Die professionelle Maske überhörte die innere Warnung.

Plötzlich wurde die Stimme der Frau mit dem Eisenblick weich und sie lächelte sie an: ››Ich wünsche eine gute Reise, Kabine 1. Guten Tag.‹‹

Sie gab ihr die ID zurück und streckte schon die Hand aus, um die des nächsten Reisenden entgegenzunehmen. Elin belächelte ihre Unruhe. Diese war schon vergessen. Ihre Beine steuerten auf die schmale Tür mit der leuchtenden 1 zu, die sich am Anfang einer Reihe völlig identischer Türen befand. Während sie die Kabine betrat, bemerkte sie die Frau mit den großen Brüsten und dem Jungen, die ebenfalls gerade die Sicherheitsschranke verlassen hatte. Die Frau hatte ihren Sohn an der Hand, der sich verträumt ziehen ließ. Dann schloss sich die Tür und Elins Umgebung färbte sich in mit künstlichen Licht beleuchtete Farben.

Der Raum war klein und geräuscharm. Er enthielt einen gepolsterten Sitz und einen in der Wand eingelassenen Automaten, der einen frischen Becher mit einer durchsichtigen Flüssigkeit bereitstellte, sobald ein Reisender eintrat.

Elin zog ihren Mantel aus und hing ihn an einen Haken, ihre Tasche stellte sie darunter. Sie fühlte sich beengt und gefangen, sie wollte die Reise so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie setzte sich und ihr Blick fiel auf eine Anleitung, die auf Augenhöhe angebracht war. Sie kannte sie schon und musste sie nicht wieder lesen, um zu wissen, was zu tun war. Trotzdem huschten ihre Augen noch einmal über die Zeilen. Sie lächelte bei der Erinnerung an ihre erste Reise, als sie mit schwitzenden Handflächen die Anleitung vier Mal durchgelesen hatte, bevor sie sich traute, den Prozess zu starten:

 

  1. Stellen Sie sicher, dass sie seit vier Stunden vor der Abreise nichts gegessen und keine Medikamente genommen haben.
  2. Entfernen Sie vor der Reise alle Gegenstände, die ganz oder teilweise aus Eisen bestehen. In den Bahnhofsgängen finden sie Schließfächer.
  3. Trinken Sie den Becher ganz aus. Er enthält eine Mischung aus Beruhigungsmittel und Barophyl, das die Bindungen zwischen kleinsten Partikeln lockert. Falls Allergien bekannt sind, sprechen Sie bitte vor der Reise mit dem Personal.
  4. Drücken Sie START. Innerhalb einer Minute wird die Reise aktiviert. Sie können im Sitzen oder Stehen reisen.
  5. Trinken Sie nach der Ankunft das bereitgestellte Glas Wasser. Häufige Nebenwirkungen können leichte Kopfschmerzen oder Übelkeit sein. Sollten die Beschwerden nicht abklingen oder stärker werden, suchen Sie bitte einen Arzt auf.
  6. Verlassen Sie die Kabine am Ankunftsort umgehend.

 

Elin trank den Becher aus, drückte den Knopf mit der Aufschrift START auf der Armlehne und schloss die Augen.

Es änderte sich fließend und sehr schnell. Vielleicht fing es mit einem leichten Schwindel an, aber jedes Mal folgte zu schnell ein Gefühl der absoluten Orientierungslosigkeit, als dass man den Anfang der Auflösung in einem Zeh oder den Ohren lokalisieren könnte. Die Reise realisierte man erst, wenn sie vorbei war, dann erinnerte man sich an Einzelheiten. Es fing an mit dem letzten Atemzug des Körpers. Das Ich wurde die Welt und die Welt wurde das Ich. Man war der Meeresschaum und die Sandkörner der Wüsten, man war der Lauf aller Gewehre und jede einzelne der sich küssenden Lippen. Vielleicht war es ein bisschen wie sterben. Alle Gefühle von allem Existierendem waren in diesem Moment vereint und ließen einen atemlos zurück.

Deswegen bemerkte sie erst nicht, dass etwas falsch war. Der erste Atemzug war schwer, fast als hätte sie verlernt zu atmen. Sie bemühte sich, Luft zu holen. Noch einmal. Noch einmal. Sie begann, ihre Sinne wieder wahrzunehmen. Es war dunkel, das gehörte nicht zur regulären Abfolge. Eigentlich müsste sie helles Licht empfangen. Intuitiv wusste sie, dass etwas schiefgelaufen war. Keine elektronische Stimme begrüßte und warnte sie, sich erst langsam zu bewegen, um einem Schwindel vorzubeugen. Sie blieb sitzen, vielleicht war es nur ein Computerfehler. Eine Minute verstrich und nichts geschah, nur das Rauschen in ihren Ohren wurde lauter.

Also stand sie auf. Ihre Jacke hing am Haken, ihre Tasche stand darunter. Sie ärgerte sich über ihre zittrigen Hände, denn sie hatte in weniger als einer Stunde ein wichtiges Treffen und wollte nicht unsicher wirken. Sie hielt sich streng an eine Herangehensweise an andere Menschen, die sie ihr ganzes Leben lang trainiert hatte. Sie verhielt sich so mit ihnen, wie diese es als ››normal‹‹ genug empfinden würden. Würde sie zaghaft werden, würde sie sich in das wortkarge Mädchen verwandeln, das sie sonst war. Und ihre Erfahrung lehrte sie, dass andere Menschen sich so neben ihr unwohl fühlten.

Gerade als sie die Tür öffnete, stürmte die ernst aussehende Frau von der Sicherheitsschranke auf sie zu. Das Licht der Bahnhofshalle blendete sie und sie hörte die Stimme der Frau ohne den Sinn dahinter zu verstehen. Sie machte eine Handbewegung, dass Elin ihr folgen sollte. Bei den ersten Schritten erkannte sie schließlich, was los war: Wenn die Sicherheitsfrau dieselbe war, musste sie noch am selben Ort sein.

Sie wurde in einen Raum mit blassroten Wänden gebracht, einem großen Kalender mit einem Bild von Buddha an der Wand und unbequemen Möbeln.

››Wie lange hatten Sie vor, zu bleiben?‹‹ Die Sicherheitsfrau saß ihr an einem Tisch gegenüber und stellte ihr die gleichen Fragen noch einmal. Ihre Miene verriet nichts. Sie musste schon fast 40 sein und Elin konnte keine Falten entdecken, die verraten hätten, dass sie jemals gelächelt hätte.

››Ich wollte heute Abend wieder zurück.‹‹

››Wann haben Sie zum letzten Mal gegessen?‹‹

››Heute Morgen.‹‹

››Auch keine Kleinigkeiten zwischendurch?‹‹

››Nein.‹‹

››Mhh‹‹, machte sie und begutachtete Elin, als sei sie ein Wunder der Physik, dass sie gerne knacken würde.

››Eisen?‹‹

››Nein.‹‹

Sie stand auf und strich sich ihre Bluse dabei glatt: ››Mein Vorgesetzter wird gleich noch mit Ihnen sprechen.‹‹ Und sie ließ sie allein.

Elin wartete über eine halbe Stunde. Zuerst legte sie ihren Kopf auf die Tischplatte, schloss die Augen und wartete, bis der Schwindel vorbei war. Sie hatte das Gefühl, dass es schlimmer als sonst war. Nach einigen Minuten wurde ihr Kreislauf stabiler. Noch immer kam niemand. Nervosität ließ ihre Atemzüge flatterhaft werden. Sie versuchte sich mit Gedankenexperimenten abzulenken: Wie sie den Mann aus dem Café wiedersah, den sie vor zwei Tagen getroffen hatte. Sie stellte sich vor, wie sie sich vor einer Bar treffen und sie souverän und hinreißend war. Wie seine Hand nah an ihrem Ellenbogen lag und er ihn langsam mit seinem Finger streichelte. Wie sie nicht viel sagen müsste und er sich trotzdem mit ihr wohl fühlen würde. Wie sie das so verlegen machen würde, dass sie ihm nicht in die Augen schauen könnte. Und er würde weiter streicheln, ihr verwirrende Schauer über die Haut schicken.

Sie erträumte sich diese Szene zwei Mal und war noch immer allein. Gerade als sie aufstehen und aus Langeweile den Kalender durchschauen wollte, ging die Tür auf. Herein kam ein Mann in Anzug und strenger Miene. Er stellte sich als Herr Klappert vor und gab ihr die Hand. Dabei lächelte er und sie fühlte sich gleich sicherer. Herr Klappert setzte sich gegenüber an den Tisch und schaute zwei Zettel auf einem Klemmbrett durch, offensichtlich ein Bericht über die Situation.

››Gut‹‹, sagte er, ››das ist ärgerlich und ich hoffe, wir haben Ihre Pläne nicht zu sehr durchkreuzt. Zurzeit können wir daran nichts ändern, daher können Sie nach Hause gehen. Ihre Personalien wurden aufgenommen, nehme ich an?‹‹ – sie nickte – ››Wir werden Sie kontaktieren, sobald wir Neuigkeiten haben.‹‹ Und ihr wurde die Hand gegeben und Herr Klappert schob sie aus dem Büro.

››Ist so etwas denn schon öfters vorgekommen?‹‹, fragte Elin.

››Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.‹‹ Sein Lächeln strahlte Vertrauen aus.

››Aber gab es das schon öfters? Ich habe davon noch nie gehört‹‹, hakte Elin nach.

››Es kommt durchaus mal vor, dass die Technik versagt. Wir schließen Kabine 1 für heute und kontrollieren das. Machen Sie sich keine Sorgen.‹‹

Er schüttelte ihr noch einmal die Hand, dieses Mal bestimmter. Er lächelte sein beruhigendes Lächeln und ging.

Sie stand wieder in der Bahnhofshalle und um sie herum rauschten all die Reisenden vorbei, die anscheinend keinerlei Schwierigkeiten dabei hatten. Ihr blieb nichts Anderes übrig, als den Nachhauseweg anzutreten.

Ihr war nicht bekannt, dass die Teleportation jemals jemandem Probleme bereitet hätte. Sie war etliche Male zuvor gereist und hatte nichts anders gemacht als sonst. Der Fehler musste also auf der Seite der Firma sein, Planet Hopping AG. Die Kabine musste kaputt sein oder etwas war mit der Flüssigkeit. Bei den Gedanken war Elin sofort ruhiger. Sie atmete tief in den Bauch hinein und ihre angespannten Muskeln lockerten sich. Tief in ihrem Unterbewusstsein verblieben offene Fragen, die ihr Vertrauen Lügen strafte. Wenn der Fehler an der Kabine oder der Flüssigkeit lag, warum hatte man sie dann nicht einfach zu einer anderen Nummer geschickt?

Ihr Telefon klingelte. Es war ihre Mutter, Nina.

››Hallo Elin-Schatz!‹‹

››Hallo.‹‹

››Hast du gerade etwas Zeit?‹‹

››Ähm, ja. Aber bei mir war gerade viel Tumult, also will ich ungern lange telefonieren.‹‹

››Muss ja nicht lange sein.‹‹

Elins Schläfe begann zu pochen: ››Was wolltest du denn?‹‹

››Och, nur mal hören, wie es dir geht.‹‹

Elin verabscheute telefonieren. Dabei war es unmöglich, eine Konversation zu umgehen.

››Es gab ein Problem beim Teleportieren. Es hat nicht funktioniert.‹‹

››Ach, nein.‹‹ Elins Mutter war noch nie auf diese Art gereist. Für sie war es unverständliche Zukunftsmusik, die sie nicht anfassen wollte.

››Wahrscheinlich hatte es was mit der Technik zu tun und gar nicht mit mir‹‹, wollte Elin das Thema deeskalieren. Doch ihre Mutter hatte keine Vorstellungen vom Teleportieren und dementsprechend konnte sie es sich nicht vorstellen, wie kurios der Vorfall war.

››Wann hast du denn das letzte Mal den Planeten gewechselt?‹‹ Ihre Frage klang nicht besorgt, eher höflich.

››Das muss letzten Monat gewesen sein.‹‹

››Nun ja, es kann ja nicht sein, dass es an dir liegt. Sonst hättest du ja irgendetwas Grundlegendes verändern müssen.‹‹

››Wie was zum Beispiel?‹‹

Ihre Mutter überlegte, denn sie hatte eigentlich keine Antwort, also scherzte sie: ››Vielleicht, weil du in der Zwischenzeit wegen Operationen zu bionisch geworden bist?‹‹

››Ich glaube, selbst das wäre kein Problem.‹‹

Nina lachte und das Pochen in Elins Kopf wurde stärker.

››Ich lege jetzt auf‹‹, sagte sie, weil sie des Redens müde war. Sie wollte den Nachhauseweg nutzen, um darüber nachzudenken, was gerade passiert war. Und sobald sie ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen haben würde, würde sie es aus ihren Gedanken wischen. Sie hinterließ noch eine Nachricht bei ihrem Interviewpartner, den sie versetzt hatte. Sie hatten zuvor am Telefon einen guten Draht zueinander gehabt, daher nahm sie an, dass er ohne Probleme an einem anderen Tag für sie Zeit finden würde. Und später würde sie sich ins Bett legen und die Augen schließen. Tief in ihren Bauch atmend würde sie einschlafen. Denn sie dachte noch, dass es nicht mehr brauchte, damit alles wieder gut war.

An ihrem letzten Tag in ihrem alten Leben nutzte Elin ihren Abend wie fast jeden zuvor. Sie hatte sich Reis mit gebratenem Gemüse von unterwegs mitgenommen und saß beim Essen in ihrer stillen Wohnung auf dem Sofa. Sonst gab es noch ein großes Regal, das die gesamte äußere Wand einnahm und nur die Fenster freiließ. Es war gefüllt mit Abenteuerromanen und Bildbänden, Steinen, einem Glaskasten mit Muscheln und alten Münzen, einer Hängepflanze mit großen herzförmigen Blättern, einem schmalen Stück Baumstumpf, einer Glasschale mit Kastanien, einem Vogelschädel, einem großen Magneten und anderem Plunder, das andere mit Freude weggeworfen hätten. Die gegenüberliegende Küchenzeile war dagegen nur spärlich gefüllt. Auf zwei Regalbrettern über dem Herd gab es einen Topf, eine Pfanne, zwei große Teller, einen Becher mit Besteck, einen Pappkarton mit Schwarztee und eine einzelne große Tasse. Das alte, senfgelbe Sofa mit Platz für zwei stand mitten im Raum, war aber niemals mit einer weiteren Person besetzt. Das letzte Möbelstück im Zimmer war ein Goldschmiedetisch. Er hatte links und rechts schmale Schubladen und die Tischplatte hatte eine runde Einkerbung, unter der ein Brettfell für beim Arbeiten entstehende Abfälle wie etwa Metallstaub angebracht war. Darauf befand sich Werkzeug ohne erkennbare Ordnung: Feilen, Blechscheren, Bürsten und Zangen, ein Winkeldreieck, Schraubstock, Mikroskop und eine Schutzbrille. Im Schreibstock klemmte etwas, das mal ein Schmuckstück werden sollte. An diesen Tisch setzte sich Elin nun, zwei kleine, helle Lampen darüber einschaltend. Sie griff nach einer groben Feile und beugte sich über den Schraubstock. Sofort vergaß sie den Tumult des Tages, ihr Puls wurde langsam und sie begann das rundliche Stück Eisen vorsichtig mit der Feile zu bearbeiten. Bedächtige Handbewegungen, feines Kratzen von Metall auf Metall, pulsierender Straßenlärm vor ihren geschlossenen Fenstern und die Zeit, die ihre Bedeutung verlor. Sie arbeitete so lange, bis ihr Nacken vom langen Herunterschauen anfing zu schmerzen. Dann blies sie ein letztes Mal den Eisenstaub vom Tisch in das Brettfell und ließ alles so stehen, wie es war, da sie am nächsten Tag weiterarbeiten wollte. So sah auch der Rest der Wohnung aus: Auf dem Boden vor dem Sofa lagen mehrere aufgeschlagene Bücher, dreckige Socken und Essensverpackungen, vor dem Regal standen Kartons mit halb herausgezogenen Tüchern, Ästen und Kleidung. Sie erwartete nie Besuch und räumte selten auf.

Elin bewegte kreisend ihre Schultern, nahm die Schutzbrille ab und schaltete die zwei Lampen aus. Sie zog noch im Gehen ihre weiße Bluse aus und legte sie unachtsam über die Sofalehne. Morgen würde sie eine identische Bluse aus ihrem Schrank nehmen und diese tragen, wie am Tag zuvor und zuvor und zuvor. Um den Überlegungen zu entgehen, was sie an der Arbeit anziehen sollte, war sie eines Tages in einen Laden gegangen und hatte sich fünfzehn identische weiße Seidenblusen und ein paar schwarze Hosen gekauft. Seit diesem Tag trug sie beruflich nichts Anderes mehr und sie fühlte dadurch eine große Befreiung. Da sie meistens auf Außenterminen unterwegs war, fiel es keinem Kollegen auf.

Elins Schlafzimmer war so klein, dass es nur ein schmales Bett und einen kleinen Schrank enthielt, der fünfzehn weiße Blusen, ein paar Hosen und wenig andere, kaum getragene Kleidung enthielt. Kaum hatte Elin ihr Kissen berührt, wich der Tag schon ihrem Schlaf.

 

ZWEITES KAPITEL

Elin schlug die Augen auf und war wach. Einige Sekunden lang war sie nur sie, dann kamen die Geschehnisse vom Tag zuvor zu ihr zurück. Es ärgerte sie, dass sie es allein mit Denken nicht zu einer Lösung bringen würde und trotzdem nicht damit aufhören konnte. Ihr fiel wieder die Broschüre ein und sie fand sie ganz unten in einem Stapel alter Magazine, die sie alle nie gelesen hatte. Die Broschüre war ein hellblaues DIN-A4-Büchlein mit einem Softcover. Darauf war das Logo der Planet Hopping AG und ein Foto mit einer sich auf dem Planeten Kepler sonnenden Frau, deren Blick sagte: ››Ich habe es im Leben geschafft, nun brauche ich mich nie mehr zu sorgen.‹‹ Unter ihr stand: Das neue Jahrhundert beginnt göttlich: Die Teleportation.

Kein Wunder, dass sich religiöse Leute angegriffen fühlen, dachte Elin.

Sie blätterte beim Gehen darin wie in einem Daumenkino und legte es dann auf das Sofa als Frühstückslektüre, und schob zwei Brotscheiben in den Toaster.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie davon erfahren hatte. Sie war für das Vorstellungsgespräch mit ihrem jetzigen Chef in der Redaktion gewesen, mit ihrer weißen Bluse und ihrer schwarzen Hose. Niemand hatte sie beachtet, jeder lief eine Spur schneller als man es von sitzfreudigen Journalisten in ihren Büros gewöhnt war, ab und zu wisperte jemand: ››Unglaublich‹‹ und schaute ungläubig. Eine Frau mit schütterem Haar und Adlernase warf ihren Kopf in den Nacken und lachte zügellos, weil sie sich unbeobachtet fühlte.

››Hallo‹‹, sprach Elin sie an und sie zuckte überrascht zusammen. Sie zupfte ihr Oberteil zurecht und begradigte die Schultern, als könne sie sich ihren hässlichen Gesichtsausdruck zuvor so besser verzeihen.

››Hallo?‹‹, fragte sie zurück.

››Was ist denn los? Alle sind so aufgeregt.‹‹

››Aber hast du es denn noch nicht gehört? Sie haben das erste lebendige Wesen teleportieren lassen. Le-ben-dig!‹‹

››Ach so.‹‹

››Ist das denn zu fassen? In ein paar Jahren werden wir alle tele-por-tier-ren können!‹‹ Sie schnippte mit dem Finger.

››Was war das denn für ein Tier?‹‹

››Ein Affe war das, glaube ich. Putzmunter war er, als er auf der anderen Seite wieder raus kaum. Plopp!‹‹

Es war tatsächlich ein Affe gewesen, genau genommen ein Bonobo-Weibchen, das man Demi nannte. Demi war nicht ganz putzmunter, wie es Elins zukünftige Arbeitskollegin ausgedrückt hatte. Korrekt wäre ihre Aussage gewesen, wenn sie gesagt hätte, man hätte bei ihr keine medizinischen Mängel feststellen können. Trotzdem fraß sie nicht mehr und zeigte Anzeichen einer starken Depression, zwei Wochen nach der Reise starb sie an ihrer Trauer. Die Wissenschaftler variierten den Versuch immer wieder und hatten schließlich Erfolg, schon kurz darauf reiste der erste Mensch, eine Lehrerin aus Exeter, die ein Vorbild für die Bildung sein wollte. Der flaue Magen und die weiteren leichten Nebenwirkungen des Reisens wurden Demi-Symptome genannt, der Tod stand aber nicht mehr in der Liste der möglichen Folgen. Dennoch wurde von Ärzten empfohlen, dass man nicht viele Male hintereinander reisen sollte und, wenn möglich, nur einmal in vierundzwanzig Stunden. Elin war danach immer ermattet und brauchte viel Schlaf. Sie dachte oft an Demi, wie sie schwindelnd wieder anfing, am anderen Ort zu existieren, aller Glücksgefühle im Körper beraubt.

Der Toaster klackte und das Brot sprang in die Höhe. Elin legte die beiden Scheiben auf einen Teller, strich Frischkäse darauf und belegte sie mit Tomatenscheiben und schwarzen Oliven, ein bisschen Pfeffer und Salz obendrauf.

Da klingelte ihr Telefon.

››Hallo?‹‹

››Guten Morgen, hier ist Dr. Jens Bittner von der Planet Hopping AG, spreche ich mit Elin Delambre?‹‹

››Ja‹‹, sagte sie geistesabwesend und ihr fiel ihr Bild im Spiegel neben dem Bücherschrank auf. Ihre Haare waren vom Schlaf verknotet, nebenbei versuchte sie sich mit ihren Fingern zu kämmen, ohne sich wehzutun.

››Es gibt noch einige Dinge zu besprechen. Sie sollten in unser Institut kommen.‹‹

››Ich kann montagabends nach der Arbeit vorbeikommen.‹‹

››Sie sollten sofort kommen, es ist wichtig.‹‹ Seine Stimme klang nervös, jetzt war sie alarmiert.

››Stimmt etwas nicht?‹‹

››Wir wollten Sie schon gestern Abend anrufen, aber hielten das dann für unsinnig. Kommen Sie bitte direkt. Sie sollten es mit eigenen Augen sehen.‹‹

Seine Stimme hatte einen beunruhigenden Unterton, wie man sonst nur zu Labilen und Geisteskranken sprach. Elin hoffte, dass er mit jedem auf diese Art redete und Leute immer in der wir-Form adressieren würde. Wollen wir uns mal die Jacke aufhängen? Mögen wir den neuen Kollegen denn? Geht es uns heute denn gut? Dann würde seine flachatmende Tonlage wenigstens nichts mit ihr zu tun haben.

Was sollte sie mit eigenen Augen sehen? Demi kam ihr in den Sinn. Sie sah sich selbst vor sich, sterbenskrank mit fortgeschrittenen Demi-Symptomen. Furcht überfiel sie. Wie naiv man sich unbekannten Gefahren hingibt, wenn jemand einem nur sagt, es sei sicher.

Sie hatte nur eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten erwartet und dass man sie danach schnell vergessen würde. In aller Eile putzte sie sich die Zähne und zog wahllos Kleidungsstücke über, die sie verstreut in ihrem Schlafzimmer fand, eine weiße Bluse und eine schwarze Hose, die noch nicht nach Schweiß rochen. Auf dem Weg nach draußen schob sie sich eins der zwei getoasteten Brote in den Mund. Mehr aus Vernunft, denn Appetit hatte sie keinen mehr.

Das Institut war in einem anderen Stadtviertel als der Bahnhof oder ihre Wohnung, daher war sie fast vierzig Minuten mit dem Bus unterwegs. Die unter- oder überirdischen Bahnen waren noch nicht wiederaufgebaut und nach dem Krieg waren die Strecken und Haltestellen fast vollständig zerstört.

Das Gebäude des Planet Hopping-Instituts wirkte wie eine Universität, es war mächtig und mit roten Ziegelsteinen und weißen Fenstern und Türen erbaut. Elin sah deutlich, dass auch dieses Gebäude wie die meisten in der Stadt zur Hälfte neu aufgebaut war, nur einige alte Grundmauern übernehmend. Ein großes Schild zählte zig Forschungsabteilungen auf, deren Namen ihr nichts sagten. Sie beschloss, direkt beim Empfang nach Dr. Bittner zu fragen.

Dort musste sie nur ihren Namen nennen, sofort wusste der junge Mann, wen er anrufen musste.

››Frau Delambre wäre dann hier.‹‹ Er bejahte drei Mal, wobei das letzte Ja in einem Quietschen unterging, und wendete sich dann zu ihr: ››Sie werden abgeholt.‹‹

Kaum hatte sie sich auf einen der eckigen, unbequemen Sessel gesetzt, eilte ein Mann mit wehendem Kittel heran. Er war lang und drahtig, seine fleischige Nase war rot von einem Schnupfen und seine weißen Augenbrauen wuchsen ihm bis über die Sicht. Ihm folgten eine junge Frau, deren Kopf in einem Haufen Zettel vergraben war, und ein schüchterner, junger Mann, beide trugen ebenfalls einen Laborkittel.

Der Mann redete schnell mit ausgestreckter Hand: ››Elin Delambre! Schön, Sie zu sehen.‹‹ Seine Augen waren zusammengekniffen und er kam ihr ungewöhnlich nahe, als er sie eindringlich betrachtete. Die Augen seiner beiden Helfer rollten wie Billardkugeln zwischen ihnen hin und her, während sie glotzten.

››Wirklich erstaunlich‹‹, sagte er kaum vernehmbar und den Kopf schräg haltend. ››Folgen Sie mir bitte. Mein Name ist Dr. Bittner. Haben Sie gut hergefunden?‹‹

Er lief wieder zurück in den Gang, aus dem er gekommen war. Elin versuchte zwischen seinen beiden Helfern Schritt zu halten.

››Ja …‹‹, sagte sie verwirrt. Niemand hatte sie gehört und niemand hätte sich für ihre Antwort interessiert.

››Gestern sorgten Sie für große Verwirrung bei uns‹‹, sagte Dr. Bittner. ››Unabhängig davon, dass die Teleportion den Anschein machte, sie wäre – außer dass Sie am selben Ort blieben – reibungslos abgelaufen; mussten wir später feststellen, dass Sie doch abgereist sind.‹‹

Er war vor einer schlichten, schwarzen Tür stehen geblieben.

››Doch abgereist …‹‹, wiederholte Elin die Worte ohne den Sinn hinter ihnen zu verstehen.

Er nickte bekümmert.

››Etwa drei Stunden nach Ihrer fehlgeschlagenen Abreise versuchten Sie sich wieder zurück zu teleportieren. Wir wurden sofort informiert, einen Fehler konnten wir ausschließen. Dass Sie jetzt vor mir stehen, ist sozusagen der Beweis.‹‹

Ratlos blickte sie ihn an. Sie verstand kein Wort.

Er zeigte mit dem Finger auf sie: ››Sind Sie bereit?‹‹ Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür weit: ››Schauen Sie selbst.‹‹

Die Helfer quiekten erregt. Dr. Bittners Hand lag noch immer auf der Türklinke, sein Arm war weit ausgestreckt. Neugierig und angsterfüllt betrat Elin den Raum – und verstand sofort, was Dr. Bittner gemeint hatte.

In dem Raum waren nur ein Tisch und zwei Stühle. Eine Person saß mit dem Gesicht zu ihr und sie sorgte dafür, dass sich ihre Haare im Nacken aufrichteten. Sie war schmal und unscheinbar, walnussfarbene Haare gingen ihr bis knapp über die Schultern und unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Ihr Kopf war nach unten gesunken, doch ihr Blick ruhte auf ihr. Erschöpft. Verängstigt. Wutschäumend. Diese Person. War Elin.

Wo schlafen wir?

Ich tanzte mit dem Monster,
denn es war so schön.
Es liebte mich
genau wie sein Hass,
jetzt weiß ich es.
Schwester neben mir im Bett,
warum diese Pistolen?
Wir waren Wölfe, doch
jeder für sich, kein Pack.
Nur unser gold’nes Jaulen.
Schau mich an,
das hast du aus mir gemacht.
Ich denke nicht an dich,
außer beim Pfeifen und Schmatzen.
Ich tanzte mit dem Monster,
denn es war so schön.
Und eines nachts erwachte es,
ich lag viel zu nah
und es schoss.

Project: Stories from Every European Country

red-hands-woman-creativeI’m looking for authors from around Europe to produce a story collection. Actually I wanted every country of the world, but let’s start small. We can still grow. So I need one author per european country. Do you write? Are you from Greece, Turkey or Switzerland? By the way it’s not about the EU, it’s Europe. The topic is: Identity and Home.

It’s a project, an experiment and the atmosphere of the book will unfold on the very end. My guess is that the stories will be colourful, because it’s a huge land and we can’t deny that the country we grew up in shaped us. But in the end it might be similar questions that haunt us. Let’s see who we are and who our brothers and sisters are.

Since there will be one voice per country there won’t be a clear result. But there will be a picture and that’s what literature wants to do in the end. Who is in? Who knows somebody?

Rules:
Size: up to ten pages per story
Language: English
Deadline: June 10th
Topic: Identity and Home

The plan is to make a book out of it, print and ebook. It will be either with a publisher or with Amazon or BoD or similiar. This project might take a while since it’s not easy to find authors from other countries. I’ll keep you updated!

If you have any questions, please comment or contact me via mail:
mail

List of countries:
this means we already have a text
(this means) we might have a text

  • Albania
  • Andorra
  • Armenia
  • (Austria)
  • Azerbaijan
  • Belarus
  • Belgium
  • Bosnia and Herzegovina
  • Bulgaria
  • Croatia
  • Cyprus
  • Czech Republic
  • Denmark
  • Estonia
  • Finland
  • France
  • Georgia
  • (Germany)
  • Greece
  • Hungary
  • Iceland
  • Ireland
  • Italy
  • Kazakhstan
  • Kosovo
  • Latvia
  • Liechtenstein
  • Lithuania
  • Luxembourg
  • Macedonia (FYROM)
  • Malta
  • Moldova
  • Monaco
  • Montenegro
  • Netherlands
  • Norway
  • Poland
  • (Portugal)
  • Romania
  • Russia
  • San Marino
  • Serbia
  • Slovakia
  • Slovenia
  • Spain
  • (Sweden)
  • Switzerland
  • Turkey
  • Ukraine
  • United Kingdom (UK)
  • Vatican City (Holy See)