Der Ballon

Er hing in den Bäumen, die Schnur an einem Ast festgeklemmt. Der Ast war jung und dünn, doch er hielt ihn fest. Langsam entwich die Luft des Ballons. Selbst wenn der Ast endlich brechen würde, könnte der Ballon nicht mehr fliegen.

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Mein Bett

Mein Bett ist ein Whirlpool, ein Hühnerstall, eine Schulklasse voll kreischender Weiber, ein Mörder im furchtbaren Krimi, eine Schlangengrube, der letzte Besoffene kurz vor der Sperrstunde, Spott und Illusion.

Mein Bett ist eine Südseereise oder eine Kreuzfahrt, zu viele Folgen Netflix, Frühstück um Mitternacht, ein Kloster voll hungriger, gieriger Nonnen, ein Ofen für schlechte Bücher, das größte Geheimnis der Menschheit.

Mein Bett ist Genie und Wahnsinn, eine leere Flasche Rum, ein Irrenhaus, Nacktbaden im See, Tanzen im Regen, eine Prügelei in einem Bergwerk, ein schiefes Bild, mein Bett bist du.

Das Haus

Die kalte Zimmerwand ist an meinen Nacken gepresst, ich schwitze, ich brenne, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich muss weiter und ich verlasse den sicheren Schatten. Geduckt und so lautlos wie möglich husche ich in die nächste dunkle Ecke: Dort wo sich die Treppe biegt. Ich erlaube mir einige Sekunden zu verweilen, mein Atem rasselt und überschlägt sich.

Das Haus um mich herum ist endlos, es ist mein Universum, es ist mein Kerker, mein Jäger. Sein Inneres ist mit dunklem Holz verkleidet, ich spüre die polierte Oberfläche der Treppenseite. Ich schaue mich um, obwohl ich schon weiß, dass ich nichts finde, das als Waffe geeignet wäre. Das Haus ist leer und ich war schon in jedem Stockwerk. Jetzt bin ich im dritten. Oder im vierten, ich habe den Überblick verloren. Das Haus ist leer und einsam. Es gibt keine Möbel, nicht mal ein Nagel an der Wand. Nicht mal eine lockere Diele, nicht mal – ich schrecke zusammen und meine Hand fährt warnend hoch. Da war was. Ein Knarren. Eine Bewegung. Ich warte, starre angestrengt in den großen Raum vor mir. Es ist dunkel und doch sehe ich gut. Das Sternenlicht ist so hell, es ersetzt mir schon lange die Sonne.

Ich drehe mich um und zähle sie durch: Es sind fünfzehn. Fünfzehn, wiederhole ich die Zählung. Sie sind stets hinter mir und hören auf jede meiner Bewegung: Bleibe ich stehen, verharren auch sie. Renne ich, folgen auch sie. Fünfzehn. Dann renne ich los, die Treppe hinauf. Meine Deckung ist offen und mit fünfzehn anderen ist es unmöglich unentdeckt zu bleiben. Ich renne, denn mein Leben hängt davon ab, ebenso das von fünfzehn anderen. Wir trampeln und scheppern und ich erwarte jederzeit den Angriff. Die Treppenbiegung ist hinter uns, ich kann das nächste Stockwerk sehen, es ist geschafft – fast.

Die letzte Treppenstufe stellt mir ein Bein und im klaren Sternenlicht breche ich auf dem höchsten Punkt des Raumes zusammen. Chaos bricht unter meinen Schützlingen aus, sie kreischen, sie heulen. Sie sterben, denke ich. Einer von ihnen klettert auf das Geländer und stürzt sich hinab in die Dunkelheit. Während er beginnt zu fallen, dreht er noch einmal seinen Kopf zu mir und ich sehe seine aufgerissenen Augen. Ich bin noch auf Knien und Händen, doch ich treibe die anderen an, lenke sie in eine neue Ecke, kaum sicherer als die zuvor. Ich presse mich mit ihnen in das Halbdunkel. Ich zähle durch. Dreizehn.

Da sehe ich eine Tür. Eine Tür? Kann es sein, dass ich etwas so offensichtliches wie eine Tür übersehen habe, obwohl ich jeden Stock auswendig kenne? Ich zähle aus Gewohnheit noch einmal durch – dreizehn – und renne los, von den anderen gefolgt. Die Tür könnte unsere rettende Höhle sein. Aber ich weiß auch, dass sie genauso gut eine Falle sein könnte.

Ich erreiche die Klinke und stürze mich in den unbekannten Raum. Hinter mir folgen die anderen, ich schlage die Tür zu und stemme mich dagegen.

Wir verharren.

Warten.

Nichts passiert. Meine Schützlinge atmen wieder, lassen sich auf den Boden fallen. Ich zähle durch. Es sind acht. Ernüchterung erschlägt mich. Jede Kraft weicht aus meinem Körper und ich rutsche auf den Boden. Acht. Sie vertrauen mir. Sie denken, ich kann sie in Sicherheit bringen. Dabei kennen sie mich kaum und doch vertrauen sie mir ihr Leben an. Und ich habe nichts zu bieten, nur meine jämmerlichen Versuche. Ich bin schwach. Ich habe keine Waffen. Ich kann nichts. Und ich verliere einen nach dem anderen.

Ich versuche mich auf den Raum zu konzentrieren. Er ist klein und wirkt harmlos, natürlich ist er leer. Mein Blick bleibt an etwas an der Wand hängen. Neugierig komme ich näher. Es ist ein kleiner Bilderrahmen, das Bild darin zeigt eine lachende, junge Frau. Sie strahlt und ihre Augen erzählen von Glück. Eine versteckte Erinnerung des Hauses. Hier können wir länger bleiben.

Ich verschnaufe und lasse meine Gedanken wandern. Und plötzlich denke ich an eine Sommerwiese, ich spüre das weiche Gras und meine Hand macht tatsächlich eine Bewegung als streiche sie durch die Halme. Der Wunsch danach brennt stark in meiner Kehle.

Fragende Augen lasten auf mir. Wir hetzen durch das Haus, als wäre unser Leben noch etwas wert. Egal, ob wir hinauskommen; egal, ob wir sicher sein werden, wir werden in Gedanken immer hier in diesem Haus bleiben. Von Geistern befallen wie es selbst. Doch wir halten am Leben fest und rennen weiter.

Ich setze mich aufrecht auf und spüre das kalte Holz der Tür. Für einen Moment denke ich, das Holz sei ein Teil von mir. Ich sehe die anderen an. Elendig hängen sie auf dem Boden und hecheln. Sie werden dieses Sommerwiesenleben nie wieder erleben. Aber sie verdienen die Hoffnung darauf.

„Das hier ist ein Haus“, sage ich und habe die volle Aufmerksamkeit, „ein Haus mit Fenstern und Stockwerken. Es muss also auch eine Haustür haben. Wir gehen wieder runter, ins Erdgeschoss!“ Sie glauben mir, dass wir eine Chance auf Rettung haben.

Wir müssen weiter. Ich zähle noch schnell durch: Acht. Langsam drücke ich die Türklinke hinunter, die anderen stehen hinter mir und beobachten angespannt, bereit zum Absprung. In Gedanken habe ich den Weg nach unten vor den Augen, ich kenne das Haus als sei es mein eigenes. Jetzt: Ich reiße die Tür auf und wir stürzen nach draußen, neun erbärmliche Gestalten. Ich erwarte die gewohnte Dunkelheit, doch gleißendes Licht trifft uns und ich sehe nichts mehr. Starr vor Schock stehen wir alle im Gang, wie auf dem Präsentierteller. Futter für die Mama, sie muss nur zuschlagen. Alles ist besser als stehen zu bleiben. Ich hetze den Gang entlang und höre die anderen hinter mir, stolpernd und weinend. Ich fliehe hinunter, doch bleibe nicht stehen, es gibt keine dunklen Ecken mehr. Noch eine Treppe, noch eine, noch eine. Ich schaue nicht zurück, aber ich weiß, dass nicht mehr viele übrig geblieben sein können. Manchmal höre ich einen erstickten Aufschrei und einen dumpfen Laut, wie von einem Körper, der auf dem Boden aufschlägt.

Wir sind im Erdgeschoss. „Weiter“, rufe ich nach hinten und laufe durch die große Halle. Dann sehe ich die Haustür. Groß und rund, als wäre sie immer da gewesen. Mein Herz jubiliert, kann ich es wirklich schaffen? Plötzlich bleibe ich stehen. Drei Meter vor der rettenden Tür, meine verbliebenden Schützlinge scharen sich um mich. Ratlos. Hilflos. Es sind nur noch drei. Es ist still. Ich strecke meine hölzernen Glieder.

Oh ja. Ich gurre genüsslich. Ich bin das Haus. Ich war es immer. Das Licht geht aus und die anderen schreien. Dann greife ich an, zermalmend, knirschend und endgültig. Ich bin das Haus.

Nur ein Mensch

“Wenn du nur eine Person in deinem Leben hassen dürftest, wer wäre das? Ich meine nicht, wenn du jemanden unsympathisch findest, irgendwas mit einer Person nicht richtig ist, wenn du nicht ganz so gerne mit ihr zusammen bist wie mit anderen. Ich spreche von Hass, richtig richtiger HASS. Wenn dir die Galle den Hals hochkriecht und du dich vor dieser affektierten, falschen, ekelhaften Person erbrechen willst. So ein Hass. Also wenn du nur einen Menschen in deinem Leben hassen dürftest, wen würdest du wählen?”

“Ähmmmm … Ähm. Muss ich?”, fragte ihre Freundin und stieg von ihrem Rad ab.

“Du musst!”

“Puh.” Sie überlegte: “Ich steh irgendwie nicht so auf Hass. Das ist ungesund für’s Herz und ist mir eigentlich auch zu anstrengend.”

“Aha. Dabei ist es doch auch gesund, sich mal richtig aufzuregen.”

Die Freundin schloss die Kette auf, die um das Lenkrad gewickelt war. Sie sagte: “Sich aufzuregen schon. Aber du sprichst ja von Hass, richtig richtiger HASS. Die Welt wäre ein besserer Ort ohne Hass. Es gäbe keine Konflikte, keine Kriege …”

Die aufgeregte erste Freundin stand ruhig daneben und ließ die Arme schlenkern: “Und ich dachte immer, es geht bei all dem eigentlich um Liebe.”

“Um Liebe? Quatsch. Schau, wenn Lindsey Lohan morgens aufwacht und sich Liebe wünscht, dann nur, weil sie sich selbst hasst. Und dadurch wird sie dieser unangenehme Mensch, den keiner lieben mag, denn warum sollte man jemanden lieben, der sich nicht einmal selbst liebt?”

“Mh, ja, das kann sein”, sagte die Freundin und schlenkerte nicht mehr.

“Oder in Kriegen zum Beispiel. Natürlich geht es da um Macht und Geld, aber Hass ist eine Waffe, mit der man die Leute lenkt. Stell dir vor, die ganze Bevölkerung soll gegen Muslime, Juden, Nicht-Deutsche generell oder irgendwer aus reichen Ölländern aufgehtzt werden, weil die Regierung in den Krieg ziehen will. Aber alle gähnen nur und sagen: Boah, das ist mir jetzt zu stressig. Da sähe die Kriegstreiberei schön alt aus.”

Das Fahrrad war schon längst angeschlossen, doch sie standen noch daneben.

“Mhh”, machte die andere und kratzte sich das Kinn, “so habe ich das noch nie gesehen.”

“Aber eine Person fällt mir ein, die könnte ich eventuell hassen. Anna Klo, das fuchtbarste Mädchen meiner Klasse. Ich dachte noch, ich könnte mir Freunde nicht aussuchen und ließ mich quälen. Ich hatte eine kleine Kasse mit Spielgeld drin, die ich zum Spielen mitbrachte und vergaß. Darin waren wunderschöne, echt aussehende Silbermünzen, die ich sehr mochte und Anna war neidisch auf sie. Sie hatte selbst eine Kasse, in der aber nur leichte Billigmünzen dabei waren, mit dem Aufdruck: Spielgeld. So macht das ja keinen Spaß. Als ich die Kasse abholen wollte, hatte sie die Münzen ausgetauscht und verkündigte mir, ich hätte mich geirrt und das seien schon immer ihre Münzen gewesen.”

“Ach, das ist doch nur ein Streich gewesen. Sie hat dir ja nicht wehgetan”, sagte nun die Freundin, die die Frage nach dem Hass gestellt hatte.

“Einmal war ich bei ihr zu Besuch und als ich gehen wollte, lag meine Jacke auf dem Komposthaufen.”

“Ja, das ist wirklich nicht so nett.”

“Sie war zwei Jahre älter als ich und blieb aber zwei Mal sitzen. Der Tag, an dem ich erfuhr, dass sie in meine Klasse kommt, ist tief in mein Gedächtnis gebrannt. Ich lief gerade mit meiner Schulfreundin zur Schule, an dem Misthaufen vorbei, der damals so groß wirkte und nun so klein ist. Sie erzählte mir fröhlich die große Neuigkeit, wir waren alle Nachbarn und kannten uns, und ich sackte zusammen und dachte: Mein Leben ist vorbei. Und das war es auch. Zumindest das, was ich als mein Leben in diesem Alter definierte. Anna Klo, die könnte ich wirklich hassen.”

Ihre Freundin kicherte: “Ach ja?”

“Wenn ich nur daran denke, dann möchte ich gngngngn”, ihre Finger krampften sich um einen imaginären Hals zusammen und würgten.

“Aber das ist ja jetzt auch schon Jahre her”, sagte ihre Freundin, deren Arme nun wieder fröhlich von einer Seite zur anderen schwangen.

“Vor kurzem habe ich erfahren, dass sie auf einem Hausdach stand und springen wollte. Sie wollte wohl nicht wirklich springen, aber nun ja, alle sollten denken, sie wollte springen. Und mit etwas Scham muss sagen: Ich konnte das Grinsen nicht verbergen. Ich hab mich gefreut. Letztendlich hat sie doch verloren.”

Sie ließen das angeschlossene Fahrrad stehen und schlenderten auf der sonnigen Straßenseite davon.

“Das ist ja interessant”, sagte die Fragenstellende der beiden noch. “Und wenn du nur einen Menschen auf der Welt lieben könntest. Wer wäre das?”

Das Versteck vor der Zeit

Zuerst gab es nur Atemzüge, die den Raum füllten. Die Lungenflügel füllten sich mit frischer Luft und gaben diese wieder frei. Nach einer Pause wiederholte sich der Vorgang, ruhig, ohne die Not des Zeitgefühls. Dann kamen andere Empfindungen, stückweise schoben sie sich in mein Bewusstsein ohne mich zu bedrängen. Das grobe Leinen, das meinen Körper überall dort berührte, wo Unterhose und T-Shirt nicht mehr hinreichten. Eine Bewegung in der frischen Luft, die bedeutete, dass das Fenster offen war. Die nach Kieselstein riechende Stirn meiner Katze, die sich gegen meine Nase drückte.
Ich war in der süßesten Zwischenwelt zwischen Schlaf und Erwachen, gleitete von einem Zustand in den anderen ohne einen ganz zu verlassen. Ich wusste, wer ich war, ich war eine reine, erfüllte Version meiner selbst und wenn ich daran zurückdenke, dann beeindruckt mich vor allem die Leichtigkeit dessen. Etwas, das es in diesem Moment nicht gab, war die Zeit. In seiner Endlichkeit war der Moment unendlich und das gab mir die Chance, ihn ohne Hektik zu betrachten.
Mein Körper lag seitlich im Halbkreis, meine Katze schmiegte sich gestreckt an mich und schlief lautstark. Redende, glucksende Geräusche wimmerten über ihre Schnauze dicht an meinem Kopf vorbei und ich konnte an ihren zuckenden Bewegungen ihre Träume lesen. Luft und Leinen umhüllten uns und noch immer gab es nur den Raum und mich. Trotz meiner Menschlichkeit hatte ich nicht dessen Verfall, mein Körper hätte der eines Kindes oder der einer alten Frau sein können. Sorgenlos lag ich ungeschützt in diesem Moment. Ich fühlte mich gut.
Die Zeit kam gewaltvoll zurück, presste die Luft aus meinen Lungen und prügelte mich zurück in den Ist-Zustand: „Das hier bist du!“, schrie sie, „du kannst nicht nur Atmen, wer glaubst du, wer du bist, dass du solche Privilegien hast, nichts zählt ohne mich, ich bin alles!“ Mir schwindelte. Angstschweiß schoss aus meinen Poren und nach Luft schnappend lag ich in der Dunkelheit, hellwach und schutzlos. Meine Katze hatte sich beleidigt aufgesetzt und starrte mich mit finsteren Augen an. Das Leben ging weiter. Mit erzwungen langsamen Atemzügen mein Herz beruhigend schaute ich auf die Uhr: Es war vier Uhr und elf Minuten. Es war noch nicht Zeit. Ich schloss meine Augen.