Im Gespräch mit der Autorin Julia von Rein-Hrubesch: „Immer brennen und wahnhaftes Schreiben!“

Julia von Rein-Hrubesch, Autorin zahlreicher Novellen und Romanen, schrieb nicht nur für die neu erschienene Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“, sondern war auch hinter den Kulissen tätig. Über Twitter liefern wir uns eine Wortschlacht über Rätsel, Bedeutungen und natürlich, wie es hinter dem Vorhang aussah.

Magret:
Ok, Julia. Heute fangen wir mal hart an. Lass uns über Rätsel reden. Was bedeuten sie für dich und deine Werke?

Julia:
So ziemlich alles. Ich möchte in jeder Geschichte ein Rätsel finden, so klein es auch sein mag. Am besten ist es natürlich, dem Autor gelingt es, dass ich über mich selbst rätsle. Was meine Werke betrifft, so ist es mir natürlich genauso wichtig, kleine Rätsel einzuflechten. Vielleicht auch ein großes. Hier stelle ich dieselben Anforderungen an mich selbst wie an einen Autor, den ich lese.

Magret:
Die Rätsel entstehen bei dir viel, da du sehr subtil schreibst. Das Eigentliche geschieht oft zwischen den Zeilen. Inwieweit erwartest du vom Leser Interpretation?

Julia:
Da liegt meine Erwartungshaltung sehr hoch 😉

Magret:
Sollen deine Geschichten überhaupt ganz verstanden werden?

Julia:
Ach Du 🙂 Diese Frage kennt die Antwort doch bereits.

Magret:
Das stimmt. Da hast du mich ertappt. Vielleicht habe ich gehofft, dich ein wenig zu enträtseln!

Julia:
Ich mag keine Rätsel, für die man eine Reise beginnt, an deren Ende es eine eindeutige Lösung gibt. Ich schreibe und lese ja am liebsten über die Menschen. Sie sind auch keine Formel mit einer klaren Lösung.

Magret:
Das spiegelt ja auch wieder, wie deine Geschichten nie ein HAPPY END haben können. Nie wird es heißen: „So ist es, so ist es gut.“ Das macht dich zum Fantast und Realisten gleichzeitig, oder?

Julia:
Ah, so schön gesagt! Ja! Das ist ab sofort mein Titel. Danke, liebe Magret.

Magret:
Gern geschehen! Ich habe jetzt schon einiges von dir gelesen und immer wieder fällt mir auf, welchen großen Stellenwert die Natur in deinen Geschichten hat, auch wieder in denen in der Anthologie. Warum zieht dich das so an?

Julia:
Die Natur … Sie habe ich als Kind geliebt und sie dann für eine längere Zeit vergessen. Erst in den letzten Jahren habe ich gespürt, wie sehr es mich zu ihr zieht. Und jetzt bin ich regelrecht besessen. Ich bin früher viel gestromert. Kennst Du den Ausdruck? Vielleicht ist das jetztige Stromern Erinnerung daran. Zurückholen von Dingen.

Magret:
Ja, stromern kenne ich. Das vermisse ich auch. Aber dafür braucht man viel Zeit und Geduld, weil man ziellos sein können muss. Das heißt, du gehst beim Schreiben deinem Verlangen nach. Baust du dir damit deine eigene Welt?

Julia:
Nein. Vielleicht, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Inzwischen will ich mich selbst herausfordern. Ich zeichne eine Welt, ja, aber es ist eine, in der ich nicht leben wollen würde. Nein, das ist nicht richtig formuliert. Sagen wir, ich lege Stolpersteine, bei denen ich lange überlegen muss, wie ich sie überwinde, würden sie in meiner echten Welt da sein. Ich will kein Wohlfühlschreiben.

Magret:
Schreiben als Wachstum. Das ist spannend. Warum nicht? Oder anders gefragt: welchen Zweck sollen deine Texte erfüllen?

Julia:
Ach, jetzt kommt sie mir damit 😉 Die Zweckfrage … In letzter Zeit häuft es sich, dass Menschen meine Geschichten lesen und sagen, das ist genau das, was sie brauchen. Auch wenn es unbequem ist. Dann denke ich, diese Menschen und mich, uns verbindet etwas. Eine Schnittstelle. Ich bin großer Fan von Schnittstellen 😉 Wenn diese Menschen meine Geschichten finden und andersherum, dann würde ich von Zweckerfüllen sprechen.

Magret:
Oh ja. So erging es mir auch mit deinen Pappeln. Deine Texte offenbaren die Stolpersteine deiner Leser.

Julia:
Das ist toll! Das wünsche ich mir! Allerdings greift hier wieder die Erwartungshaltung. Man muss es zulassen, die Steine zu erkennen.

Magret:
Gut, das ist ja bei jedem Werk/Leser so. Alles zur richtigen Zeit. Ich möchte noch einmal auf die Natur zu sprechen kommen. In der Literatur ist sie ein beliebtes Symbol. Bei Homo Faber ist es die fruchtbare Weiblichkeit, bei Effi Briest die Zukunftsvoraussage. Welche Symbolik erfüllt sie für dich?

Julia:
Uff.

Magret:
Hahahaha

Julia:
Solche Aussagen werden doch von anderen getroffen, nicht vom Autor selbst, oder?

Magret:
Wenn du es so möchtest. Du bist Autor. Theoretisch musst du überhaupt nichts über deine Werke sagen.

Julia:
Du bist hartnäckig. Okay, es sind zwei Dinge, die mich umtreiben. Da ist einmal der tiefe dunkle Wald. Ich erzählte Dir ja bereits von der Frau im Wald, vor der ich manchmal Angst habe, weil ich denke, ich wäre sie. Zweitens ist es die Weite. Über das erste könnte man diskutieren, das zweite würde ich als mein Symbol für die Sehnsucht benennen.

Magret:
Wow. Das wäre ein Kontrast. Die Angst vs. die Sehnsucht nach demselbsen. Das gefällt mir.

Julia:
Ach wirklich, Dr. Freud? 😉

Magret:
Pass auf, sonst analysiere ich noch weiter!

Julia:
Ich muss weg 😉 Kontrast. Da hast Du recht. Ich liebe sie, fürchte mich aber auch vor ihnen. Ich bin auch selbst Kontrast. Da passt das ja mit Wald und Weite recht gut.

Magret:
Ich finde ja, deine Geschichten verstecken oft das Wesentliche, aber das Versteck (die Natur) ist zeitgleich auch ein riesiges Schild, das auf das, was eigentlich gesagt werden soll, zeigt. Auch ein Kontrast.

Julia:
Stimmt! Das gefällt mir sehr gut.

Magret:
Deine Geschichten klingen für mich immer, als sitzt du an einem Schreibtisch im Sumpf, zwischen urigen Bäumen und schaurigen Nebelschwaden. Wie schreibst du? Organisiert oder bricht es eher aus dir heraus?

Julia:
Immer brennen und wahnhaftes Schreiben. Organisieren kommt dann später. Mit Szenen skizzieren usw. Den Schreibtisch im Sumpf nehme ich sehr gern. Sumpf! Nebel! Allerdings könnte ich so wohl eher nicht schreiben, ich wäre zu abgelenkt. Schreiben kann ich am besten in reizarmer Umgebung. Außer, es ist die manische Phase. Da bin weg …

Magret:
Das kenne ich auch. Da vergesse ich Essen und Schlafen. Bist du ein Künstler das ganze Leben lang von morgens bis abends? Oder gibt es eine Trennung zum Alltag?

Julia:
Ich denke nicht. Ich habe auch einen Beruf, bei dem ich künstlerisch aktiv sein kann. Trennen muss ich den träumenden Künstler. Der steht mir im Alltag im Weg.

Magret:
Weil Künstlersein nicht strukturiert und zu emotional ist?

Julia:
Meine Künstlerin, also meine Künstlerseele ist nicht sehr gesellig. Deswegen.

Magret:
Das ist ok. So bietet dir deine Künstlerin einen Rückzugsort. Deinen persönlichen Sumpf sozusagen.

Julia:
Hm. Interessant.

Magret:
Etwas Anderes: Wie wichtig ist dir die Namensgebung? Ich denke hier als Beispiel an Lee in deiner Geschichte Lianen.

Julia:
Ach, das war einfach. Li von Lianen. Sonst ist es immer ein totaler Krampf!

Magret:
Warum? Was muss ein Name für dich erfüllen?

Julia:
Weil ich Probleme habe, passende Namen zu finden. Sie sind meist zu behaftet und nehmen mir Raum, den Prota so zu zeichnen, wie er ist. Ich fühle mich dann unflexibel. Zu festgelegt.

Magret:
Das verstehe ich.

Julia:
Namen sollen schwingen. Ich habe ja meist schwingende Persönlichkeiten in meinen Geschichten. Hennie zum Beispiel liebe ich noch immer am meisten.

Magret:
Für Sehnsuchtsfluchten hast du nicht nur geschrieben, sondern warst auch hinter den Kulissen tätig. Was genau waren deine Aufgaben?

Julia:
Ich habe Geschichten mit ausgewählt und Autoren betreut. Das war toll! Es war auch eine gute Zusammenarbeit von der organisierten Julia und der Künstlerin Julia. Die mussten gemeinsam auf der Matte stehen.

Magret:
Haben sich die beiden Julias manchmal gestritten?

Julia:
Die streiten sich doch dauernd.

Magret:
Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

Julia:
Nika hat mich gefragt, ob ich mit an Bord kommen will. Ich habe sofort Ja! gesagt.

Magret:
Wie empfandst du die gemeinsame Arbeit mit den vielen Autoren?

Julia:
Tooooollll. Das ist genau das, was ich machen will! Es war Inspiration total für mich. Lehrende, beruhigende, aufwühlende, sehr lang nachhallende, motivierende Inspiration.

Magret:
Gab es auch Herausforderungen?

Julia:
Na klar! Herausfordernd war es, Reibungen die entstehen, wenn viele Menschen auf einem Haufen sind, zu etwas Konstruktivem umzuwandeln. Zumal die Kommunikation nur per Chat stattfand. Das ist schon eine große Herausforderung, wie ich finde. An alle Beteiligten.

Magret:
Aber davon gab es überraschend wenige, finde ich. Wir haben alle extrem gut zusammengearbeitet.

Julia:
Das ist richtig. Ein harmonischer Haufen.

Magret:
Was auch an euch beiden, Nika und dir, lag. Ihr habt für eine angenehme Atmosphäre gesorgt.

Julia:
Ach, vielen Dank! Mir ist es ein Anliegen. Ich will, dass es den Menschen, die um mich herum sind und mit denen ich zu tun habe, gut geht. Außer natürlich, ich kann sie nicht leiden 😉 Weniger harmonisch geht es dafür in den Geschichten zu.

Magret:
Daher kommen wir nun zur wirklich letzten Frage. Was wünschst du dir für diese Anthologie in der Zukunft?

Julia:
Ich wünsche mir, dass sie die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hat. Und mit ihr die Autoren, die alle sehr unterschiedlich sind, unterschiedlich schreiben, und mit einem sehr großen Thema zusammengefunden haben. Ich finde, es ist ein bemerkenswertes Projekt, da auch „Neuschreiber“ sowie erfahrene Autoren daran beteiligt sind. Neben dem Wunsch natürlich, gesehen, gelesen und gemocht zu werden, gibt es noch den, dass vielleicht andere Künstler inspiriert werden, gemeinsame Projekte zu starten. Wissen und Erfahrung auszutauschen ist es etwas, was nicht selbstverständlich ist. Besonders für das Schreiben wünsche ich es mir sehr.

Magret:
Wunderbare Abschiedsworte. Ich danke dir, Julia, für dieses tolle Gespräch.

Julia:
Der Dank gilt ganz Dir, liebe Magret! Das waren tolle Fragen. Mit versteckten Rätseln 😉

Magret:
So wie du es magst 🙂

Julia:
Genau! Ich werde verwöhnt.

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So viele Emotionen und tolle Autoren: Die Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“

Mitte August erscheint der Kurzgeschichtenband „Sehnsuchtsfluchten“, in dem Magret Kindermann neben vierzehn weiteren Autoren vertreten ist. Die Herausgeber sind Nika Sachs und Julia von Rein-Hrubesch. Die Organisation lief größtenteils über eine Twittergruppe, in der alle Autoren fleißig diskutierten und abstimmten. Magrets Geschichte hat den Titel: „Ein Taschentuch aus dem nächsten Jahr“.

Die Autoren sind eine lebendige Mischung aus Jungautoren, die zuvor noch nie etwas veröffentlicht haben, und welchen, die schon Erfolg schnuppern durften, wie Nicole Neubauer. Einmal quer durch die deutsche Literaturlandschaft sozusagen.

 

Project: Stories from Every European Country

red-hands-woman-creativeI’m looking for authors from around Europe to produce a story collection. Actually I wanted every country of the world, but let’s start small. We can still grow. So I need one author per european country. Do you write? Are you from Greece, Turkey or Switzerland? By the way it’s not about the EU, it’s Europe. The topic is: Identity and Home.

It’s a project, an experiment and the atmosphere of the book will unfold on the very end. My guess is that the stories will be colourful, because it’s a huge land and we can’t deny that the country we grew up in shaped us. But in the end it might be similar questions that haunt us. Let’s see who we are and who our brothers and sisters are.

Since there will be one voice per country there won’t be a clear result. But there will be a picture and that’s what literature wants to do in the end. Who is in? Who knows somebody?

Rules:
Size: up to ten pages per story
Language: English
Deadline: June 10th
Topic: Identity and Home

The plan is to make a book out of it, print and ebook. It will be either with a publisher or with Amazon or BoD or similiar. This project might take a while since it’s not easy to find authors from other countries. I’ll keep you updated!

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