6 idiotensichere Schreibtipps

1. Schlau klingen wollen, lässt jeden Autor dumm wirken

Komplizierte Wortwahl, geschwurbelte Sätze, viele Gedankenstriche und Semikolons. Denn je schwerer, desto schlauer. Richtig? Über manche schwindelerregenden Satzkonstrukte lache ich mich heimlich kaputt. (Auch über meine eigenen.) Am ehesten sagen sie aus: „Der Autor hat hier selbst keine Ahnung und hofft, dass der Leser das für ihn übernimmt.“ So macht das Lesen keinen Spaß, vor allem kapiert man aber auch nichts mehr. Wer einmal versucht hat, komplexe Inhalte in leichte Sätze zu packen, versteht, dass das die eigentliche Kunst ist. Doch lieber soll der Autor schwitzen, um die Lektüre so angenehm wie möglich zu machen. Mein liebstes Credo lautet: „Alles für den Leser!“

2. Klischees und Floskeln dürfen gedacht werden, niemals geschrieben

Das gilt für Charaktere, für den Handlungsverlauf sowie für die Wortwahl. Vertraue niemals deiner ersten Idee! Manchmal stellt sie sich als die beste heraus, aber stelle das auf die Probe. Denn unser Gehirn denkt in bekannten Mustern. Also: Liebesgeschichte, wo treffen sie sich? Café! Aha, Standard. Bahnhof! Öde. Feuerwehreinsatz? Zu extravagant. Touristische Stadtführung? Schon besser. Mit Worten ist es ähnlich. Doch die meisten Beschreibungen und Vergleiche sind schon bis zur Erschöpfung verwendet worden. Finde deine eigenen Worte! So bleibt ein Text frisch und interessant.

Schlau klingen wollen, lässt jeden Autor dumm wirken

3. Experimente sind geil, aber nur als Würze

Kennt ihr die DDR-Autorin Christa Wolf? Ich hab ihr Buch nach zehn Seiten weggelegt. Dabei war ich von der ersten Seite begeistert. Sie schreibt kryptisch, in Fetzen, der Erzähler steht mit sich selbst im Dialog. Geil. Nach zehn Sätzen war mein Gehirn überlastet. Niemand sollte verlangen, dass man bei jedem Satz grübeln muss. Das geht bei einem fünfzeiligen Gedicht, das man nie verstehen muss und es trotzdem mögen kann. Dazu kann nichts wirken, wenn es über einen ausgeschüttet wird. Mit Experimenten kann man gut Höhen und Tiefen einbauen. Im richtigen Moment: BÄM! Überall: Ok, wie finde ich jetzt noch das Wichtige?

4. Alles ist erlaubt, solange es die Geschichte erzählt

Jedes Experiment bildet eine neue Ebene der Geschichte. Dessen sollte man sich bewusst sein. Diese Ebene kann den eigentlichen Roman begleiten oder auch erweitern. Wahllos und ohne Sinn … hat das Experiment keinen Sinn! Wenn ich mir also denke: „Boah, geil, ich lasse jetzt jeden Menschen sterben, der ihr auf der Straße begegnet“, mag das witzig sein, aber sollte für die Geschichte auch etwas bedeuten. Die neue Ebene kann zum Beispiel eine Figur charakterisieren oder eine Vorschau auf das Ende sein.

5. Vergiss die Atmosphäre nicht

Der Erzähler ist die am meisten unterschätzte Figur einer Geschichte. Dabei ist sie die spannendste. Mit ihrer Sprache bewertest du das Geschehen, wenn auch subtil. Und genau das macht es aus. Werden die Sätze etwa kürzer, zieht der Erzähler das Tempo an. Er kann auch dafür sorgen, dass der Leser sich unwohl fühlt. Etwa indem plötzlich alle Sätze unbequem formuliert wurden. Furcht kann auch erzeugt werden, indem über jedes bescheuerte Detail berichtet wird, nur um den Blick nicht auf das Objekt der Angst richten zu müssen. Natürlich huscht dieser trotzdem hin und wieder kurz hin, aber sofort wieder weg. Und wenn dann lieber jeder Schimmelfleck dahinter beschrieben wird … Das beste Beispiel ist noch immer der Regelbruch: Damit zieht man die Aufmerksamkeit sehr schön genau dorthin, wo man sie haben will. Im Grunde ist die Atmosphäre etwas, das man üben kann, aber auch intuitiv geschehen lassen muss. Dazu muss der Autor lernen, sich zu vertrauen.

6. Keine Fussel, bitte

Nicht nur Füllwörter sind überflüssig, auch Erzählstränge, die nichts Neues aussagen, Charaktere, die niemand braucht, Dialoge abseits der Geschichte. Nicht immer sollte ein Autor gleich auf den Punkt kommen, denn sonst könnte er alles in drei Sätzen zusammenfassen. Auch Atmosphäre oder Charakterisierung ist ein Argument für zusätzliche Worte. Spannungsaufbau auch! Du solltest den Text genau überprüfen: Welche Elemente blähen ihn auf, anstatt ihn auszubauen? Es darf nur bleiben, was auch eine Berechtigung hat. (Ich behandle so übrigens schon meine Romanideen.)

Vergisst bei allem nie: Guter Schreibstil ist ein Prozess. Ein guter Anfang ist: erkennen, was überhaupt gut ist. Und da scheiden sich die Geister. (Achtung! Floskel!)

Magret_Unterschrift

 

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