Schreibtipp: Das innere Kind deiner Figur

Einer meiner größten Probleme beim Schreiben lag oft daran, dass meine Figuren zu rational waren. Sie konnten nicht richtig streiten, weil sie sich ständig entschuldigten und sich zu gut erklärten. Dabei bin ich selbst ein Mensch (oha!) und habe schon einige Erfahrungen an Streitereien sammeln können.

Warum gelang es mir also nicht, einen Streit authentisch auf Papier zu bringen?

Ich erkannte, dass Menschen selten rational reagieren. Sie nehmen zu viel persönlich und schießen vor allem lieber mal los, bevor sie zuerst angegriffen werden können. Das führte mich zu der spannenden Frage: Warum?

Schreiben hat ganz viel mit Menschenkenntnis zu tun. Ich habe bei mir im Bücherregal einen dicken Wälzer: „Grundlagen der allgemeinen Psychologie“. Immer mal wieder blättere ich darin, wenn mir eine Figur Fragen aufwirft. Diese verhalten sich nämlich schon längst nicht mehr innerhalb meiner Vorgaben. Völlig außer Kontrolle machen sie plötzlich was ganz anderes und ich weiß nicht, warum. Tagelang brauche ich manchmal, um deren Aktionen nachzuvollziehen.

Sehr, sehr häufig ist die Antwort: Das innere Kind.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass jeder Mensch noch immer das Kind mit sich herumträgt, das er einmal war. Denn in dieser Zeit formen sich die Glaubensätze, wie man selbst, die Menschen und die Welt sind. Ein Beispiel: Ein Kind bekommt nur Lob und Zuneigung, wenn es gute Leistungen erbringt. Ergo lautet der Glaubenssatz: „Ich muss immer Leistung bringen.“ Das ist auch noch bei einem Erwachsenen verinnerlicht. Rational hat er natürlich viel dazugelernt, aber das Kind schleppt er noch mit sich rum. Sagen wir, dieser Mensch versagt bei einem Sportwettkampf. Er und seine Partnerin kommen nach Hause und er motzt sie an, ist sauer auf sie. Weil er mit dem Versagen gleichsetzt: „Ich werde nicht geliebt.“ Sie hat natürlich ein eigenes innerliches Kind und reagiert motzig zurück. Denn sie kennt sein innerliches Kind nicht, sonst könnte sie diesem mit ihrem erwachsenen Ich begegnen und sich erklären. Macht sie aber nicht. Sie motzt auch. Der Autor freut sich: Geil, Streit!

Jeder absichtliche Makel in der Kunst schafft Aufmerksamkeit. Genau dort, wo euch der Künstler haben will!.png

Viel lernte ich aus dem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl. Das ist eigentlich dazu gedacht, dass man an sich selbst arbeitet, aber geht ja auch. Durch die Arbeit an sich selbst arbeitet man ja auch an sich als Schriftsteller. Stefanie Stahl spaltet das innerliche Kind auf: in das Schattenkind und in das Sonnenkind. Ersteres verinnerlichte die negativen Erlebnisse aus der Kindheit und reagiert schutzsuchend und verteidigend. Das Sonnenkind ist die fröhliche Natur und kann das Schattenkind schützen.

Das Schattenkind als Erklärung für viele Verhaltensmuster

In der ersten Übung nähert man sich dem Schattenkind. Unter anderem schreibt man seine Glaubenssätze auf, die ich für besonders spannend halte. Denn die kann man auf die Figur übertragen. Welche Wahrheiten haben deren Eltern ihr mitgegeben? Zuerst geht es um Ich-bezogene Glaubenssätzen, also um die Rolle de Figur und wie sie sich selbst in der Welt wahrnimmt. Dazu einige Beispiele aus dem Buch:

Ich bin eine Last.
Ich genüge nicht.
Ich bin hilflos.
Ich darf nicht ich sein.
Ich muss funktionieren.
Ich muss dich glücklich machen.

Es folgen allgemeine Glaubenssätze:

Männer sind Schweine.
Das System will uns unterdrücken.
Im Leben wird einem nichts geschenkt.

Das kann alles mögliche sein. Jeder Mensch hat andere und damit auch jede Figur. Wer sich damit auseinandersetzt, versteht seine geschaffenen Figuren besser und kann ihnen mehr Tiefe verleihen. Meine Figuren streiten nun viel häufiger!

Ich persönlich thematisiere innere Psyche und Entwicklung in meinen Büchern ja auch immer ganz gerne. Aber es muss ja nicht immer der Rückblick in die Kindheit sein. Manchmal sind diese Erkenntnisse des Autoren auch gar nicht dafür gedacht, als Informationen im Buch aufzutauchen. Es reicht, wenn sie im Hintergrund schwelen und ihre langen Arme bis in die Szenen hineinreichen. Denn: Menschen sind nicht immer logisch und transparent. Manchmal muss der Leser nicht alles verstehen, denn die Figuren verstehen sich auch nicht immer selbst.

Ich würde mich freuen, von euch zu hören, wie ihr eure Figuren kennenlernt und wie ihr ihre Wunden aufdeckt.

Magret_Unterschrift

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10 Antworten auf “Schreibtipp: Das innere Kind deiner Figur”

  1. Hallöchen 🙂
    Ich habe für mein Manuskript begonnen, Charakterbögen zu erstellen. Es ist wirklich notwendig, seine Charaktere wie die besten Freunde, nein eig viel besser, besser als es irgendeinem Menschen möglich wäre, zu verstehen. Und oft hängt das eben mit der Kindheit zusammen, aber eben auch, wie du es so schön beschreibst, mit den kindlichen verhaltebsmustern die man selbst noch als Erwachsener hat… Ich denke auch, nur das wenigste was man von seinen Figuren weiß muss direkt in das Buch. Doch es wird indirekt und oft wohl auch vom Autor unbemerkt in den Text einfließen…
    Danke für deinen Beitrag, ich bin eben momentan in der Charakter Bildungs Phase meines Romans, da ist so ein input wie der von dir immer gut 😉
    Liebe Grüße von der Luna ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Dieses Verständnis für Figuren fehlt mir oft, daher freue ich mich über deine Ansicht! In Büchern kommt es mir oft so vor, als habe die Figur nur die aktuelle Geschichte im Kopf. Und das ist ja Blödsinn, ein Mensch hat ja selten nur eine Baustelle.

      Gefällt 1 Person

  2. Moin Magret,

    welch grandioser und wichtiger Hinweis: Bedenke die inneren Kinder deiner Figuren. Ich musste herrlich lachen – über mich selbst 😉

    Auch beruflich befasse ich mich recht viel mit dem Konzept des inneren Kindes, mit Stimmen (geniale Dialoge!) und ähnlichem. Nur als Autor hab ich es vergessen zu tun – herrlich, da muss mir erst themagret in den Arsch treten…!

    Sagenhafte Welten tun sich auf – DAAAANKE!!!

    Chaotische Grüße,

    Georg 😉

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    1. Hallo Georg! Oh, dein Kommentar hat mir so das Herz geöffnet. Ich freue mich sehr darüber und es wäre für mich spannend, von dir noch mal zu hören, wie das Schreiben damit klappt!

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