Teil 6: Lektoriere mir meinen Text!

Von Luisa kriegen wir heute einen Auszug zu lesen. Nach den wenigen Absätzen kann ich vorneweg schon sagen, dass sie emotional gesehen sehr gut ist. Wenn sie noch ein wenig an ihrem Stil feilt, wird sie die Leser reihenweise zum Heulen bringen!

Der Originaltext:

Als Lottchen die erste Bombe fallen hörte, schickte sie ein Stoßgebet in den Himmel. Sie fühlte sich schwach in diesem Moment, als wäre alle Energie aus ihr herausgeflossen. Sie kommen! Nur dumpf drang das Geschrei der anderen Frauen an ihr Ohr. Doch Lottchen beachtete es kaum. Sie würden nicht kommen, nicht in ihr kleines Dorf. Die Bombe war sicher auf den Nachbarort gefallen, oder noch weiter weg. Nicht in ihre Nähe. Sie konnte beruhigt weiterkochen. Und zwar schleunigst, sonst brannte ihre Suppe an. Sie wandte sich wieder ihren Töpfen zu, als es klopfte.
„Lottchen! Du musst mitkommen!“ Ein roter Haarschopf erschien in der Tür, gefolgt von der schmalen Gestalt ihres jüngsten Enkels Peter. Ihm folgte ihre Tochter Lisel. Lottchen brauchte ihr nur in die Augen zu schauen um zu wissen, was geschehen war.
„Komm mit in unseren Keller.“, sagte Lisel schnell. Hektisch sah sie vom Fenster zu ihrer Mutter. „Bitte.“, fügte sie hinzu. Doch als sie den Blick ihrer Mutter auffing, wusste sie, dass nichts zu retten war. Sie sah Lottchen noch einmal flehend an, dann ihren Peter und entschied sich, dass es zu gefährlich war, noch länger zu bleiben. Rasch gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann packte sie Peter bei der Hand und zerrte ihn raus. Traurig blickte er sich zu seiner Oma um, die immer noch wie angewurzelt vor dem Herd stand.
„Komm jetzt, Peter.“, meinte Lisel. „Mami, was ist mit Oma?“, fragte er, während sie ihn aus dem Haus zog.

Fangen wir an!

Jeder absichtliche Makel in der Kunst schafft Aufmerksamkeit. Genau dort, wo euch der Künstler haben will! (1)

Das Lektorat:

Als Lottchen die erste Bombe fallen hörte, schickte sie ein Stoßgebet in den Himmel. Sie fühlte sich schwach in diesem Moment, als wäre alle Energie aus ihr herausgeflossen.

Zwei Sätze mit „als“ hintereinander. Einer davon sollte umformuliert werden. Ich finde den ersten Satz stärker, daher ändere ich den zweiten.

Unnötiges Zeitwort: „in diesem Moment“. Es ist klar, denn wenn der Autor schreibt, das etwas passiert und zwar im Moment der Geschichte. Daher blähen solche Wörter einen Text meistens auf.

Die Formulierung „alle Energie“ klingt plump. Das funktioniert bei zählbaren Dingen (alle Nägel, alle Menschen, alle Schlösser). Aber nicht bei etwas mit unbestimmbarer Masse (alle Milch, alles Öl, aller Sand). Man kann es sich ganz gut damit merken, dass es bei Wörtern, aus denen man eine Mehrzahl bilden kann, funktioniert.

Als Lottchen die erste Bombe fallen hörte, schickte sie ein Stoßgebet in den Himmel. Sie fühlte sich schwach, sie hatte keinerlei Energie im Körper.

Sie kommen! Nur dumpf drang das Geschrei der anderen Frauen an ihr Ohr. Doch Lottchen beachtete es kaum. Sie würden nicht kommen, nicht in ihr kleines Dorf. Die Bombe war sicher auf den Nachbarort gefallen, oder noch weiter weg. Nicht in ihre Nähe.

Füllwort: „nur“. Was soll es aussagen? Dumpf ist dumpf, warum muss noch hervorgehoben werden, dass es nicht laut ist, nicht schrill, nicht nahe, NUR dumpf? Weg damit.

Füllwort: „Doch“.

Inhaltlich stimmt hier etwas nicht. Wenn sie das Geschrei „kaum beachtet“, beachtet sie es wenigstens ein bisschen und man erwartet eine Reaktion. Wie sonst soll man denn etwas beachten? Es gibt zwei Möglichkeiten. Erstens: „Lottchen beachtete es nicht.“ Oder zweitens: „Lottchen bemerkte es kaum.“

Kommafehler:Die Bombe war sicher auf den Nachbarort gefallen oder noch weiter weg.

Grammatikfehler:Nicht in ihre Nähe“ muss heißen: „Nicht in ihrer Nähe.“ (Denn dieser „Satz“ bezieht sich ja auf den zuvor.)

Sie kommen! Dumpf drang das Geschrei der anderen Frauen an ihr Ohr. Lottchen bemerkte es kaum. Sie würden nicht kommen, nicht in ihr kleines Dorf. Die Bombe war sicher auf den Nachbarort gefallen oder noch weiter weg. Nicht in ihrer Nähe.

Sie konnte beruhigt weiterkochen. Und zwar schleunigst, sonst brannte ihre Suppe an. Sie wandte sich wieder ihren Töpfen zu, als es klopfte.

Unnötige Possessivpronomen. Besitz muss nur deklariert werden, wenn er sonst nicht verständlich ist und es wichtig ist.

Unnötiges Zeitwort: „als“.

Sie konnte beruhigt weiterkochen. Und zwar schleunigst, sonst brannte die Suppe an. Sie wandte sich wieder den Töpfen zu. Es klopfte.

„Lottchen! Du musst mitkommen!“ Ein roter Haarschopf erschien in der Tür, gefolgt von der schmalen Gestalt ihres jüngsten Enkels Peter. Ihm folgte ihre Tochter Lisel. Lottchen brauchte ihr nur in die Augen zu schauen um zu wissen, was geschehen war.

Wortdopplung: „gefolgt“ und „folgte“.

Ein Komma fehlt: „Lottchen brauchte ihr nur in die Augen zu schauen, um“ …

Der Satz mit den Augen ist unschön. Das Hilfsverb stört mich und dann stolpert man noch über die Information, dass man etwas wissen sollte. Aber was? Geht es jetzt doch um die Bombe? Oder …? Das erkennt man ein paar Sätze weiter natürlich, aber der Leser sollte nicht so lange hängengelassen werden.

„Lottchen! Du musst mitkommen!“ Ein roter Haarschopf erschien in der Tür, gefolgt von der schmalen Gestalt ihres jüngsten Enkels Peter und ihrer Tochter Lisel. Lottchen sah es in den Augen, die Bombe hatte ihr Dorf nicht verschont.

„Komm mit in unseren Keller.“, sagte Lisel schnell. Hektisch sah sie vom Fenster zu ihrer Mutter. „Bitte.“, fügte sie hinzu. Doch als sie den Blick ihrer Mutter auffing, wusste sie, dass nichts zu retten war.

Zeichensetzung: Wörtliche Rede beendet man mit einem Punkt, wenn der Satz damit auch beendet ist. Also: „Ich bin ein Einhorn.“ Dann würde kein Komma folgen, sondern nur der nächste Satz. Aber wenn der Satz weitergeht, wird mit einem Komma gearbeitet. „Ich bin ein Einhorn“, sagte sie. Niemals wird ein Punkt und ein Komma verwendet.

Das mache ich auch gerne. Immer wenn das Tempo ansteigt, machen meine Figuren alles schnell. Damit macht man es sich sehr einfach und es ist ein langweiliges Wort, vor allem emotionslos. Besser wäre „gehetzt“ oder gleich mehr Show, etwa: „Lisels Stimme überschlug sich.“

Auch im nächsten Satz wird mir zu wenig Hektik vermittelt, stattdessen wird alles nur „hektisch“ benannt. Das geht besser!

Man muss nicht nach jeder wörtlichen Rede erklären, wer was sagt. Das klingt dann schnell nach Orchesterprobe und jeder Satz braucht einen Dirigenten. Die Regel dabei lautet, dass nach jeder Rede, bei der man sonst nicht genau weiß, wer spricht, ein „sagte er“ oder ähnliches dranhängen sollte. Weiß man es auf jeden Fall, dann weg damit.

Füllwort: „Doch“.

Ein Kommentar zum Zeitwort „als“: An dieser Stelle finde ich es angebracht. Es hebt die Geschwindigkeit ein Stück an, es folgt Schlag auf Schlag, Hoffnung, Angst und Ernüchterung. Daher habe ich es nicht kritisiert.

„Komm mit in unseren Keller“, sagte Lisel und ihre Stimme überschlug sich. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie vom Fenster zu ihrer Mutter und zurück. „Bitte.“ Als sie den Blick ihrer Mutter auffing, wusste sie, dass nichts zu retten war.

Sie sah Lottchen noch einmal flehend an, dann ihren Peter und entschied sich, dass es zu gefährlich war, noch länger zu bleiben.

Es passieren hier viele Blicke. Lisel schaut aus dem Fenster, zu ihrer Mutter, die Mutter blickt auch, dann sieht Lisel wieder flehend und dann zu Peter. Das ist too much, mir ist schwindelig und mir tun die Pupillen schon beim Gedanken weh.

Füllwörter: „noch einmal“, „dann“, „noch“.

Der Artikel bei „ihren Peter“ klingt hölzern. In einem anderen Kontext fände ich es ok, wenn es gerade um die enge Beziehung und Liebe zwischen Mutter und Kind geht. Aber hier? Wir haben keine Zeit für solche Gedanken! Also den Artikel streichen.

Jedes Flehen nutzte nichts und sie musste an Peter denken. Es war zu gefährlich, länger zu bleiben.

Rasch gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann packte sie Peter bei der Hand und zerrte ihn raus.

Das Zeitwort ist hier überflüssig. „Dann“ also streichen.

„Packen“ ist plump und umgangssprachlich. Außer man packt eine Tasche, würde ich es nicht verwenden.

„Peter bei der Hand“ ist sperrig. Warum nicht einfach Peters Hand?

Rasch gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie ergriff Peters Hand und zerrte ihn raus.

Traurig blickte er sich zu seiner Oma um, die immer noch wie angewurzelt vor dem Herd stand.

Show, don’t tell: Woran sieht man, das jemand traurig aussieht?

Das Füllwort „immer noch“ streichen. Vorher wurde nicht beschrieben, dass sie sich bewegt, also ist es klar. Dazu ist es irrelevant.

„Wie angewurzelt stehen“ ist eine Floskel. Ein guter Autor verwendet seine eigenen Worte. Es gibt immer Ausnahmen, wenn eine Floskel angebracht sein kann, hier gibt es keinen Grund. Dazu zeigt es kaum Emotionen.

Mit bebender Unterlippe blickte er sich zu seiner Oma um, die er vor dem Herd zurücklassen musste.

„Komm jetzt, Peter.“, meinte Lisel. „Mami, was ist mit Oma?“, fragte er, während sie ihn aus dem Haus zog.

Wieder die Zeichensetzung in der wörtlichen Rede.

Falsches Wort: „Meinen“, passt hier überhaupt nicht. Das impliziert eine Meinung, das ist hier nicht der Fall.

Wenn jemand Neues redet, kommt ein Absatz. So weiß der Leser, dass die Person von zuvor nicht weiterredet.

Man muss nicht immer „sagte er“, „fragte er“ und so hinten dranhängen. Nur dann, wenn sonst nicht klar sein könnte, wer spricht. Hier antwortet er ihr, dazu nennt er sie Mami. Es ist mehr als eindeutig.

Logikfehler: Die Mutter zerrte ihren Sohn schon vorher raus. Wir sind zeitlich also schon weiter, sie kann ihn nicht noch einmal aus dem Haus ziehen. Also streichen.

„Komm jetzt, Peter“, sagte Lisel.
„Mami, was ist mit Oma?“

Der bearbeitete Text:

Als Lottchen die erste Bombe fallen hörte, schickte sie ein Stoßgebet in den Himmel. Sie fühlte sich schwach, sie hatte keinerlei Energie im Körper. Sie kommen! Dumpf drang das Geschrei der anderen Frauen an ihr Ohr. Lottchen bemerkte es kaum. Sie würden nicht kommen, nicht in ihr kleines Dorf. Die Bombe war sicher auf den Nachbarort gefallen oder noch weiter weg. Nicht in ihrer Nähe. Sie konnte beruhigt weiterkochen. Und zwar schleunigst, sonst brannte die Suppe an. Sie wandte sich wieder den Töpfen zu. Es klopfte.
„Lottchen! Du musst mitkommen!“ Ein roter Haarschopf erschien in der Tür, gefolgt von der schmalen Gestalt ihres jüngsten Enkels Peter und ihrer Tochter Lisel. Lottchen sah es in den Augen, die Bombe hatte ihr Dorf nicht verschont.
„Komm mit in unseren Keller“, sagte Lisel und ihre Stimme überschlug sich. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie vom Fenster zu ihrer Mutter und zurück. „Bitte.“ Als sie den Blick ihrer Mutter auffing, wusste sie, dass nichts zu retten war. Jedes Flehen nutzte nichts und sie musste an Peter denken. Es war zu gefährlich, länger zu bleiben. Rasch gab sie ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Sie ergriff Peters Hand und zerrte ihn raus. Mit bebender Unterlippe blickte er sich zu seiner Oma um, die er vor dem Herd zurücklassen musste.
„Komm jetzt, Peter“, sagte Lisel.
„Mami, was ist mit Oma?“

Beim erneuten Durchlesen, würde ich folgenden Teil noch ändern: „Komm mit in unseren Keller“, sagte Lisel und ihre Stimme überschlug sich. Daraus würde ich Folgendes machen: „Komm mit in unseren Keller!“ Lisels Stimme überschlug sich. So spart man sich einmal „sagte sie“, was doch recht häufig vorkommt.

Die häufigsten Fehler:

  1. Füllwörter
  2. Zeitwörter
  3. Stilfehler wie falsche Begriffe, Floskeln, …

Luisas Text ist grundsätzlich einer, den man schnell bereinigen und gut machen kann. Ich finde das, was nach der Bearbeitung rauskam, durchaus spannend. Vor allem charakterisiert dieser Ausschnitt die Figuren sehr schön und der Leser fühlt schnell mit. Inhaltlich ist Luisa also stark. Daher gehe ich davon aus, dass sie qualitativ hochwertige Texte formulieren wird, sobald sie ihre Standartfehler kennt. Dabei spielt natürlich noch eine Rolle, wie gut der Autor Kritik annimmt und diese verinnerlicht. Grundsätzlich kann jeder bei einem Lektorat viel lernen, wenn er aufpasst und überwindet, dass er sich persönlich angegriffen fühlt. (Denn das ist normal. Auch ich bin manchmal noch bei so manchem Kommentar beleidigt. Und jeder, der von mir lektoriert wird, muss erst mal schlucken. Niemand ist damit allein und das macht es wieder gut.)

Das war es! Welche Anmerkungen sind deiner Meinung nach falsch? Wo habe ich etwas übersehen? Die Lektoratsreihe dauert nicht mehr lange an. Danach möchte ich eine Liste mit den häufigsten Fehlern zusammenstellen und wie man sie korrigiert/vermeidet. Also schaue wieder rein, um nichts zu verpassen! Du kannst dich auch für meinen Newsletter anmelden:

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6 Antworten auf “Teil 6: Lektoriere mir meinen Text!”

    1. Sehr gerne! Ich freue mich, wenn ich helfen konnte. Ich bin neugierig, ob das Lektorat auch langfristig hilft, ob du beim Schreiben also direkt schon besser wirst. Du kannst ja mal eine Rückmeldung geben!

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