Teil 5: Lektoriere mir meinen Text!

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Von Christina Wunder gibt es dieses Mal einen Text von ihrem Blog mit dem sexy Titel: Der Tango!

Der Originaltext:

Die Menschen eilen geschäftig an mir vorbei. Mittendrin auf einem Plateau macht ein Trio Musik. Ich kann sehen, dass der grosse grauhaarige Cellospieler sein Instrument mit einer solchen Hingabe mit dem Streichbogen streichelt, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Das Cello belohnt ihn mit dunkeln, tiefen Tönen, die mich in die Welt der Melancholie mitnehmen. Der zweite Mann mit dem Bandoneon auf den Knien sitzt auf einem kleinen Schemel, wiegt sich mit der Musik, während seine flinken, langen Finger gezielt die richtigen Knöpfe drücken, und er den Balg auf und zusammen drückt. Er entlockt dem Bandeon wunderschöne, zärtliche Musik, die mich einladen zu bleiben. Seine dunklen Augen blitzen dabei, und es ist, als ob seine Sinne etwas wahrnehmen, das für uns unsichtbar ist. Und zuletzt der hagere Mann am Keyboard. Seine Hände fliegen nur so über die Tasten, seine Augen sind geschlossen und sein Kopf geht unruhig hin und her. Es scheint, dass auch er dem ihm anvertrauten Instrument nur das Beste entlockt. Es ist eine traurige Ballade, die von verlorener Liebe, Sehnsüchten und Leidenschaft handelt. Ich spüre, wie die Musik mich einnimmt und in eine andere Welt fort trägt. Gefangen von der  Musik beginne ich mich im Takt zu wiegen. Plötzlich legen sich zwei Arme um mich und führen mich gekonnt im Tangoschritt. Dann, als die Musik  immer mehr anschwillt  und sich ins Unermessliche zu steigern scheint, beginnen auch andere Paare sich im Takt zu bewegen. Langsam werden die Töne leiser. Das Cello schreit traurig auf und die tiefen Töne versetzen mein Herz in Aufruhr. Obwohl es traurig ist, fühlt es sich stark und kämpferisch zugleich an. Dann abrupt ist es ruhig. Kein Ton ist mehr zu hören. Es ist wie ein schneller Tod, ein schnelles Ende. Zurück bleibt Wehmut und Sehnsucht nach mehr. Dann klatscht jemand und ich werde aus meinem Tagtraum gerissen.

Los geht’s!

Die Menschen eilen geschäftig an mir vorbei. Mittendrin auf einem Plateau macht ein Trio Musik.

Der erste Satz ist unklug gewählt: Der Text dreht sich nicht um die Menschen, die an ihr vorbeilaufen. Tatsächlich sind sie der Hintergrund. Warum sollte sich der erste Satz also um sie drehen? Dazu lädt er nicht ein, weiterzulesen.

Ein Wort ohne Mehrwert: Warum erwähnt der Erzähler explizit, dass die Menschen geschäftig sind? Sie eilen ja schon und bleiben trotz Musik nicht stehen. Dem Leser kommt von selbst drauf. Dazu wirkt es wertend. Die dumme graue Masse, die immer nur ins Büro rennt. All das wollen wir nicht, wir wollen nur Musik!

Auf einem Plateau macht ein Trio Musik, Menschen eilen an mir vorbei.

Ich kann sehen, dass der grosse grauhaarige Cellospieler sein Instrument mit einer solchen Hingabe mit dem Streichbogen streichelt, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft.

Bemerkungen wie „Ich kann sehen“ sind unnötig. Das würde ich nur verwenden, wenn die Perspektive explizit geklärt werden soll. Also wenn etwas nicht so ist, aber es die Figur so sieht. Oder etwas passiert und klar werden soll, dass eine Figur das mitkriegt. Das ist hier nicht nötig. Der Leser weiß, sie guckt hin.

Rechtschreibfehler: „große“ und ein Komme zwischen den beiden Adjektiven.

Unnötiger Possessivpronomen: Natürlich ist es sein Cello, er ist ja auch der Cellospieler! Das muss nicht so stark klargestellt werden.

Bleibe bei den Figuren! Sage nicht „man“, wenn du eine Person meinst. Sonst wird ein Satz allgemein und der Leser fühlt nichts mit.

Der große, grauhaarige Cellospieler streichelt das Instrument mit einer solchen Hingabe, dass es mir kalt den Rücken runterläuft.

Das Cello belohnt ihn mit dunkeln, tiefen Tönen, die mich in die Welt der Melancholie mitnehmen.

Hier habe ich nur auszusetzen, dass du schon wieder zwei Adjektive hintereinander hast, die sich hier auch nichts nehmen. Tief würde reichen, dunkel auch.

Das Cello belohnt ihn mit dunkeln Tönen, die mich in die Welt der Melancholie mitnehmen.

Der zweite Mann mit dem Bandoneon auf den Knien sitzt auf einem kleinen Schemel, wiegt sich mit der Musik, während seine flinken, langen Finger gezielt die richtigen Knöpfe drücken, und er den Balg auf und zusammen drückt.

Das Zählen macht es kompliziert, denn plötzlich klingt es mehr nach Mathe. Das ist ähnlich wie mit links und rechts, der Leser braucht keine genaue Karte im Kopf! Wie wäre es mit einem weiteren Mann? Du hast Anfangs von einem Trio gesprochen und erläuterst auch nur drei  Männer. Das reicht.

Ein Schemel ist immer klein. Das Wort hat also keinen Mehrwert. Streichen. Zwei Fliegen mit einer Klappe, dadurch verlierst du gleich ein Adjektiv, von denen es sonst schnell zu viele gibt.

Unnötiges Zeitwort: Der Text wird fließender, wenn der Erzähler die zeitliche Reihenfolge nicht so in den Vordergrund stellt. Ein Satz folgt dem anderen und der Leser geht davon aus, dass die Zeit in der gleichen Reihenfolge verläuft. Nur, wenn dem nicht so ist, muss der Erzähler eingreifen!

Der Satz ist sehr lang und beinhaltet viel Aktion und Information. Kürze ihn, um die Spannung nicht zu verlieren.

Wieder sind zwei Adjektive hintereinander. Dabei ist es irrelevant, ob die Finger lang oder nicht sind.

Falsche Wortwahl: „Aufdrücken“ ist nicht korrekt, das Instrument zieht man auf.

Wortdopplung: Zweimal „drücken“ hintereinander.

Ein weiterer Mann mit dem Bandoneon auf den Knien sitzt auf einem Schemel und wiegt sich mit der Musik. Seine flinken Finger drücken gezielt die richtigen Knöpfe und er zieht den Balg auf und presst ihn zusammen.

Er entlockt dem Bandeon wunderschöne, zärtliche Musik, die mich einladen zu bleiben.

Wieder zwei Adjektive hintereinander!

Dazu sollte der Erzähler lieber erzählen, was die Musik wunderschön macht und nicht einfach wunderschön sagen. Show, don’t tell!

Grammatikfehler: Statt „einladen“ heißt es „einlädt“, denn es ist die Musik. Außer du machst daraus die Töne.

Er entlockt dem Bandeon zärtliche Musik, die mich einlädt, zu bleiben.

Seine dunklen Augen blitzen dabei, und es ist, als ob seine Sinne etwas wahrnehmen, das für uns unsichtbar ist.

Dank der Adjektivwut in diesem Text streiche ich das „dunkel“, denn wen interessiert seine Augenfarbe?

Unnötiges Wort: Er macht Musik und wenn seine Augen blitzen, dann natürlich dabei!

Kommafehler: „Seine dunklen Augen blitzen dabei und es ist, als ob“ …

Wen meint der Erzähler mit „uns“? Das ist nicht spezifisch genug. Die Hauptfigur und die Menschen auf der Straße? Oder alle anderen?

Seine Augen blitzen und es ist, als ob seine Sinne etwas wahrnehmen, das für den Rest der Welt unsichtbar ist.

Und zuletzt der hagere Mann am Keyboard. Seine Hände fliegen nur so über die Tasten, seine Augen sind geschlossen und sein Kopf geht unruhig hin und her.

Auch hier bitte auf das Zählen verzichten. 

Füllwörter: „nur so“.

Zu viele Possessivpronomen: Seine, seine, sein … Die sind in diesen drei Fällen unnötig.

Unpassende Wortwahl: Mit der Aussage, der Kopf „geht unruhig hin und her“ schaffst du genau das: Unruhe. Dabei soll doch das Gefühl von Freiheit, Leidenschaft und Losgelöstheit vermittelt werden.

Die Hände des Mannes am Keyboard fliegen über die Tasten, die Augen sind geschlossen und der Kopf tanzt im Takt.

Es scheint, dass auch er dem ihm anvertrauten Instrument nur das Beste entlockt.

Diesen Satz würde ich komplett streichen. Warum wurde ihm das Instrument anvertraut? „Das Beste entlocken“ ist so unspezifisch, das sagt nichts aus.

xxx

Es ist eine traurige Ballade, die von verlorener Liebe, Sehnsüchten und Leidenschaft handelt.

Das Subjekt würde ich genauer wählen. „Es“ ist lieblos und wir sind gerade noch bei den Spielern.

Das Lied ist eine traurige Ballade, die von verlorener Liebe, Sehnsüchten und Leidenschaft handelt.

Ich spüre, wie die Musik mich einnimmt und in eine andere Welt fort trägt.

Rechtschreibung: „forttragen“ wird zusammengeschrieben. Trotzdem würde ich mit „tragen“ ersetzen, denn das reicht und klingt galanter.

Sage nicht „ich spüre“. Sage, was passiert, damit der Leser auch mitspüren kann. Das soll kein Bericht sein, sondern ein Erlebnis!

Die Musik nimmt mich ein und trägt mich in eine andere Welt.

Gefangen von der  Musik beginne ich mich im Takt zu wiegen.

Zuvor wird schon erklärt, wie sehr die Musik sie einfängt. Das muss nicht wiederholt werden. Keine neue Informationen!

Wieder: Lasse deine Figuren nicht etwas beginnen. Wenn sie sich im Takt wiegen, wiegen sie sich im Tagt und es ist klar, dass sie das zuvor nicht getan haben.

Ich wiege mich im Takt.

Plötzlich legen sich zwei Arme um mich und führen mich gekonnt im Tangoschritt. 

Das Zeitwort ist unnötig. Du änderst ja auch nicht den Rhythmus oder die Atmosphäre. Man könnte allerdings anders einen kleinen Überraschungseffekt einbauen, etwa dass sie lacht oder nach Luft schnappt.

Man kann sich denken, dass es zwei Arme sind, immerhin hat jeder Mensch zwei.

Mich stört das Adjektiv „gekonnt“. Was ist gekonnt führen? Hier wünsche ich mir, dass der Erzähler das vermittelt, ohne es einfach plump zu sagen. Ehrlich gesagt finde ich das aber irrelevant und würde dieses Detail weglassen. Es geht um die Leidenschaft und die wird vermittelt!

Arme legen sich um mich, ich schnappe nach Luft und mein Tanzpartner führt mich im Tangoschritt.

Dann, als die Musik  immer mehr anschwillt  und sich ins Unermessliche zu steigern scheint, beginnen auch andere Paare sich im Takt zu bewegen.

Unnötige Zeitwörter: „Dann“ und „als“.

Füllwörter: „immer mehr“.

Nicht die Figuren etwas beginnen lassen, sondern sie das machen lassen.

Die Musik schwillt an, scheint sich ins Unermessliche zu steigern und weitere Paare bewegen sich im Takt.

Langsam werden die Töne leiser. Das Cello schreit traurig auf und die tiefen Töne versetzen mein Herz in Aufruhr. Obwohl es traurig ist, fühlt es sich stark und kämpferisch zugleich an.

„Langsam“ empfinde ich als ein sehr plumpes Wort für diesen Zusammenhang. Zaghaft? Oder einfach ohne Adverb und Adjektiv? Das wäre mir ja am liebsten.

Den folgenden Fehler habe ich in der neuen Novelle gerne gemacht. Meine Figuren lachten immer auf. Meine Lektorin sagte dazu sowas wie: „Das ist neumodischer Scheiß!“ Und sie hat recht. Menschen lachen und schreien (und auch Cellos).

Der letzte Satz hier ist schön. (Und das würde ich auch in einem Manuskript anmerken.)

Die Töne werden leiser. Das Cello schreit traurig und die tiefen Töne versetzen mein Herz in Aufruhr. Obwohl es traurig ist, fühlt es sich stark und kämpferisch zugleich an.

Dann abrupt ist es ruhig. Kein Ton ist mehr zu hören.

Die Musik endet abrupt und so sollte sich auch die Sprache ändern. Knallharte, kurze Sätze, nur das Nötigste.

Unnötiges Zeitwort: „Dann“.

Füllwort: „mehr“.

Abrupt ist es ruhig. Kein Ton ist zu hören.

Es ist wie ein schneller Tod, ein schnelles Ende.

Hier würde ich die zweite Erklärung weglassen. Sie gibt erstens keine weitere Information, zweitens schwächt sie die erste Formulierung ab. Der Leser weiß, dass hier niemand tatsächlich stirbt, lass der Musik ihren Tod!

Dazu würde ich die Metapher unerklärt stehen lassen. Sage nicht: „wie der Tod“, sondern: „Es ist ein schneller Tod.“

Es ist ein schneller Tod.

Zurück bleibt Wehmut und Sehnsucht nach mehr.

Ich habe darüber nachgedacht, ob ich „nach mehr“ streichen würde, habe mich aber dagegen entschieden. Theoretisch bedeutet Wehmut und Sehnsucht ja eben genau das, aber dann ist diese Formulierung herrlich kindlich, wie ein Urverlangen. Das passt gut zu diesem Moment, in dem ja die Kontrolle abgegeben wird.

Zurück bleibt Wehmut und Sehnsucht nach mehr.

Dann klatscht jemand und ich werde aus meinem Tagtraum gerissen.

Diesen Satz würde ich komplett weglassen. Er nimmt dem Leser die Möglichkeit, selbst noch länger in diesem Tagtraum zu bleiben. Er ist schön! Es ist klar, dass die Hauptperson früher oder später weiterlaufen muss. Die Musik ist schon aus.

xxx


Der lektorierte Text:

Auf einem Plateau macht ein Trio Musik, Menschen eilen an mir vorbei. Der große, grauhaarige Cellospieler streichelt das Instrument mit einer solchen Hingabe, dass es mir kalt den Rücken runterläuft. Das Cello belohnt ihn mit dunkeln Tönen, die mich in die Welt der Melancholie mitnehmen. Ein weiterer Mann mit dem Bandoneon auf den Knien sitzt auf einem Schemel und wiegt sich mit der Musik. Seine flinken Finger drücken gezielt die richtigen Knöpfe und er zieht den Balg auf und presst ihn zusammen.  Er entlockt dem Bandeon zärtliche Musik, die mich einlädt, zu bleiben. Seine Augen blitzen und es ist, als ob seine Sinne etwas wahrnehmen, das für den Rest der Welt unsichtbar ist. Die Hände des Mannes am Keyboard fliegen über die Tasten, die Augen sind geschlossen und der Kopf tanzt im Takt. Das Lied ist eine traurige Ballade, die von verlorener Liebe, Sehnsüchten und Leidenschaft handelt. Die Musik nimmt mich ein und trägt mich in eine andere Welt. Ich wiege mich im Takt. Arme legen sich um mich, ich schnappe nach Luft und mein Tanzpartner führt mich im Tangoschritt. Die Musik schwillt an, scheint sich ins Unermessliche zu steigern und weitere Paare bewegen sich im Takt. Die Töne werden leiser. Das Cello schreit traurig und die tiefen Töne versetzen mein Herz in Aufruhr. Obwohl es traurig ist, fühlt es sich stark und kämpferisch zugleich an. Abrupt ist es ruhig. Kein Ton ist zu hören. Es ist ein schneller Tod. Zurück bleibt Wehmut und Sehnsucht nach mehr.

Beim zweiten Durchgang fällt mir auf, dass drei Mal hintereinander etwas im Takt passiert. An mindestens einer dieser Stellen muss eine andere Formulierung gefunden werden.

Die Top-Fehler:

  1. Zu viele Zeitwörter
  2. Zu viele Adjektive
  3. Zu viele Hilfsverben

Was sagst du, wie gefällt dir der bearbeitete Text? Welcher Bearbeitung stimmst du nicht zu? Ich freue mich über ein Kommentar von dir!

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6 Antworten auf “Teil 5: Lektoriere mir meinen Text!”

  1. Bei deiner Herangehensweise erkenne ich sehr viel von Michaela 🙂 Ich würde nur folgende Stelle anpassen:
    „Die Hände des Mannes am Keyboard fliegen über die Tasten, die Augen sind geschlossen und der Kopf tanzt im Takt.“
    Köpfe können nicht tanzen. Er darf aber gerne zucken, das wäre sehr bildlich.

    Gefällt 1 Person

    1. Da stimme ich dir zu, der Kopf darf hiermit offiziell zucken, nicht tanzen! Und ja, Michaela ist mein Mentor und ich halte viel von ihrer Arbeitsweise.

      Gefällt mir

  2. Gefällt mir sehr!

    Anmerkung nach vielen Jahren Tangopraxis: Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Tanzpartner die Frau nur führt, was nichts Besonderes ist, oder ob er sie gekonnt führt, was den Tango erst zum Genuss macht, deshalb ist hier „gekonnt“ gerechtfertigt.
    Beste Grüße

    Gefällt 1 Person

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