11 Gründe, warum dein Buch scheiße ist und was du dagegen tun kannst

Es gibt nichts, das so undefiniert ist wie Kunst, zu der auch die Literatur gehört. Wer wagt es, zu sagen, etwas wäre schlecht? Andy Warhol hat eine Suppendose nach der anderen kopiert und wurde gefeiert. Yves Klein machte Bilder mit einer einzigen Farbe, wurde erst aufgefordert, doch wenigstens eine zweite Farbe hinzuzufügen, und wurde später genau wegen dieser monochromen Bilder gefeiert. Der Autor James Joyce verwendete in den letzten 70 Seiten von Ulysses keinerlei Satzzeichen. Ist das alles Scheiß? Genau wegen dieser unsinnigen Frage ist dieser Beitrag angreifbar. Und ich bitte darum: Diskutiert mir die Seele aus dem Leib.

Eine wichtige Sache fällt auf: Jeder absichtliche Makel dieser genannten Kunst (und jeder anderen) schafft Aufmerksamkeit. Genau dort, wo euch der Künstler haben will! Aber dazu später mehr. Fangen wir von vorne an. Warum könnte es dein Buch nicht bringen?

Jeder absichtliche Makel in der Kunst schafft Aufmerksamkeit. Genau dort, wo euch der Künstler haben will!

Du erzählst nichts Neues

„Man kann das Rad nicht neu erfinden“ und das stimmt. Dennoch sollte etwas Neues dabei sein, ein neuer Twist, eine neue Ebene, eine neue Erzählform … Es ist oft eine Gradwanderung, dazu werden in den Buchhandlungen ja auch zig Abklatschbücher verkauft. Aber wer will sowas schon schreiben? Sagen wir, du schreibst über Hobbits, die die Welt retten. Die Gefahr geht nicht von einem Ring aus, sondern von einem Kelch. MÖP! Trotzdem dieselbe Geschichte. Eine Frage, die hilfreich ist: Warum sollte ein Leser dein Buch lesen und nicht gleich „Herr der Ringe“? Richtig. Schreibe keine Fanfiction. Schreibe Bücher, über die andere Fanfiction schreiben wollen.

Deine Stimme ist uninteressant/unausgeprägt

Wieder so ein Punkt, der schwer zu erklären ist. Ich versuche, dir etwas zu geben, mit dem du arbeiten kannst: Jeder Mensch hat sein Ding, seine Art, seine typische Präsenz. Wenn diese Menschen zu sehr in gesellschaftliche Normen gepresst werden, ist ihre Art nicht mehr erkennbar. Sie sind die zur Person gewordenen Knigge-Bände, aber keiner kann sie mehr leiden, denn sie sagen nichts aus. Genauso ist es mit Autoren. Anfangs orientieren sie sich oft zu sehr an anderen, die sie lieben. Aber du wirst nie J.K. Rowling sein, nie Stephen King und erst recht nicht Kafka. Während du diese Berühmtheiten nachmachst, kannst du nicht deine eigene Stimme übermitteln. Du kannst aber eine Übung daraus machen und ganz viel nachmachen. Was fühlt sich gut an? Übernehme nicht alles von einem Autor, sondern Kleinigkeiten von hier und da. Sehe deine Stimme als Collage an und gehe auf Jagd.

Manchen Menschen fällt es leichter, ihre Stimme zu finden, als anderen. Und manchmal muss man auch einfach sagen, dass eine Stimme uninteressant ist. Aber das ist nicht etwas, das man selbst bewerten sollte. Schließlich gibt es zahlreiche Kunst, die ich schrottig finde und die wahnsinnig erfolgreich ist. Und anders herum!

Du hast den Text nicht unter Kontrolle

Wenn der Leser merkt, dass der Erzähler nicht lenkt, dann wird ihm auch schnell das Buch egal. Dazu gehört, dass Informationen geführt rausgegeben werden, Gefühle gelenkt werden, Rätsel zum richtigen Grad aufgedeckt oder gestrickt werden. Wenn sich ein Autor keine Gedanken über die richtige Satzlänge in verschiedenen Situationen macht oder darauf scheißt, dass der Leser nicht das gleiche Wissen hat wie er, dann sollte er Tagebuch schreiben, keine Romane. Ab dem Punkt für die Veröffentlichung muss ein Autor sein Künstler-Ego beiseiteschieben, denn dann spielt der Leser die Hauptrolle. Immer! Ohne Ausnahme! Perfekt ist es, wenn dem Leser der Erzähler gar nicht auffällt. Es gibt nur ihn und die Geschichte … FUMP! (Das war das Geräusch, als er in das Buch reingezogen wurde.)

Du hast zu wenige Dialoge

Damit kann man doch leicht arbeiten! Allerdings lasse ich gerne mit mir streiten, denn als qualitativ wird ja auch Hegel betrachtet. Alle mal die Hände hoch, die in den letzten zehn Jahren Hegel gelesen haben! Tja, wahrscheinlich sehen wir gerade keine einzige Hand. Eine Geschichte muss LEBEN und das tut sie durch Menschen und die reden viel. Das ist spannend und das charakterisiert sie. Es bringt sie weiter oder behindert sie. Vor allem macht es einen Text flockig. Schon vom Bild her wirkt ein Text mit Dialogen weniger angsteinflößend. Ein Buch sollte nicht nur aus Dialogen bestehen (aber auch das kann funktionieren, zum Beispiel bei „Kosmetik des Bösen“ von Amélie Nothomb). Aber Dialoge (keine Monologe!) helfen, Luft zu holen, wenn gerade nach hegelsche Art philosophiert wurde.

Du benutzt fast nur Floskeln

Das gehört ein wenig zur eigenen Stimme, aber verdient doch seinen eigenen Punkt. Wenn ein Roman aus mehreren Satzbausteinen zusammengesetzt ist, die ich alle schon zu oft gehört habe, schaltet mein Gehirn ab. Unabhängig davon, dass ich solche Bücher nicht beende, sondern in die Ecke werfe. Das fängt schon bei sowas an wie, dass Figuren tief Luft holen, bevor sie etwas Schwieriges beginnen. Mag sein, dass der ein oder andere Mensch das auch mal macht, aber die meisten nicht. So bewusst handeln sie oft gar nicht! Häufen sich solche Bausteine, kann der Leser keine eigene Geschichte erkennen, nichts „Echtes“. Eine Geschichte muss sich echt anfühlen, damit er mitfühlen kann. Dazu gehört, dass kein Mustermensch erschaffen wird, sondern ein Individuum. Und ganz ehrlich, Satzbausteine sind auch einfach langweilig … Ein Satz muss überraschen! (Ein bisschen Arbeit kann man von einem Autor auch verlangen, oder?)

Deine Figuren sind flach/öde/unauthentisch

Was unter anderem davon kommen kann, weil du Floskeln und Klischees benutzt. Eventuell sind deine Personen auch zu perfekt. Oder zu perfekt unperfekt. Ja, auch das ist ein Ding. Ich nenne da gerne das tollpatschige, süße Mädchen als Beispiel, das gar nicht weiß, wie toll sie eigentlich ist, als Beispiel. Catherine Heigl in ihren Filmen etwa. Es ist wie in einem Bewerbungsgespräch. Kein Arbeitgeber glaubt dir, dass deine größte Schwäche ist, dass du einfach zu gerne arbeitest. Eine Figur braucht tatsächliche Fehler und zwar viele davon, manche bedeutend, andere nicht. Denn wir Menschen sind voll davon. Genauso müssen die Figuren vieles unerklärt machen, irrational und unbewusst. Denn wir Menschen ergeben nicht immer Sinn! Und zuletzt sollte nicht und niemand zu allgemein gehalten werden. Details machen einen Charakter, eine Geschichte echt.

Du hast offensichtliche Fehler wie Buchsatz/Grammatik

Das erklärt sich von selbst. Das Auge liest mit. Hast du nach jedem Satz einen Absatz, fühle ich mich beim Lesen, als hätte ich ein Holzbein: KLONK nach jedem Punkt. Es gibt einen Grund, weswegen die Bücher von Innen alle mehr oder weniger gleich aussehen. Warum Einzüge gemacht werden, warum Flattersatz nichts für Romane ist, warum Schriftgröße 20 nur für Seniorenbücher gut ist. Alles hat einen Sinn, also überlege dir an jeder Stelle, ob deine Wahl stimmig ist. Mache keine Absätze, nur weil du an dieser Stelle länger überlegst, weil du nicht weiterweißt. Hau nicht überall einen Gedankenstrich rein, nur weil du den so fancy findest. Dein Buch ist eine Mahlzeit und auch wenn es schmeckt, sollte der Teller hübsch sein, das Besteck sollte an der richtigen Stelle und vollständig sein, Blümchen auf dem Tisch wären nett. Auf Grammatik und Rechtschreibung möchte ich eigentlich nicht eingehen. Das sollte stimmen. Fehler schleichen sich überall ein, aber die sollten nicht die Überhand nehmen. Und auch ich musste meine Lektion lernen: Egal, wie gut man eigentlich darin ist, in deinem Manuskript wimmelt es vor Fehlern. Wetten? Also prüfen, prüfen, prüfen!

Gleich geht es weiter …


Design ohne Titel


Du kennst deine Stärken und Schwächen nicht

Jeder Autor ist in bestimmten Dingen fantastisch, manche Sachen gehen so und manches kann er gar nicht. Nur, wenn er seine Stärken kennt, kann er mit ihnen arbeiten. Denn sie verdienen Aufmerksamkeit! Darauf sollte sich der Autor konzentrieren. Ein persönliches Beispiel: Meine Schreibweise ist subtil. Bei mir brodelt es unter der Oberfläche. Ich kann sehr gut ein beklemmendes Gefühl erzeugen. Was ich nicht kann: packende Action! Tom Cruise würde niemals in einer Verfilmung meines Buches mitspielen. Nie! Also schreibe ich meine Art der Geschichte, kein Actionbuch. Das heißt nicht, dass bei mir nichts los ist, aber ich packe es anders an, arbeite mit mehreren Ebenen. Ab und zu sollte sich ein Autor seinen Ängsten stellen. Ich kann zum Beispiel nicht gut Streitereien beschreiben. (Meine Charaktere sind immer viel zu rational und fangen an, sich zu entschuldigen, bevor es richtig los geht.) Ich entscheide mich jetzt also nicht für eine Geschichte über eine auseinanderbrechende Liebe mit Streit auf jeder Seite. Aber wenn mich meine Geschichte dorthin führt, muss ich mich dem stellen. Auf meine Weise! Erzwinge also nichts, nur weil du es bei einem anderen Autor toll findest. Der kann das. Du vielleicht nicht. (Zeruya Shalev kann zum Beispiel Streitereien wunderbar darstellen, ihre Szenen liebe ich. Nacheifern kann ich ihr nicht.)

Du magst dein eigenes Buch nicht

Mir sagte mal jemand, der gerade ein frisches Angebot von einem Indie-Verlag hatte, ich sei kein richtiger Autor, wenn ich meine Werke selbst gut finde. Ich hatte keine Worte für diese Ignoranz, wünschte ihm viel Glück mit seinem Buch und beendete das Gespräch. Was für eine Dummheit! Wie soll man etwas verkaufen können, von dem man selbst nicht begeistert ist? Es ist klar, dass wir in unseren Büchern immer wieder Makel entdecken. Das hätten wir besser machen und hier hätte man noch feilen können. Das ist normal und wird immer so sein. Ja, Objektivität fällt schwer und Zweifel schreien am lautesten. Aber abhängig von diesen Kleinigkeiten: Ist dein Buch gut? Verdient es einen Leser? Wenn du als Schöpfer schon nein sagst, was zur Hölle machst du dann damit auf dem Markt?

Dein Schreiben wirkt verkrampft/zu gewollt

Man hört es aus einer Erzählerstimme heraus, wenn sie zu viel will. Intelligent klingen, etwas Herausragendes erzählen, ein Genie sein! Ist euch mal aufgefallen, dass viele beim Schreiben plötzlich anfangen, Wörter wie „diese“ und „welche“ zu benutzen? „Dies ist so, weil die Häuser, welche brannten, den Weg versperrten.“ So spricht niemand, so sollte auch niemand schreiben. Schachtelsätze, zu viele Metaphern, zu viele Gedankenstriche, zu viel inhaltslose Poesie (nein, es wird nicht schon jemand irgendwas hineininterpretieren), Fremdwörter en masse. Ein Leser möchte keinen Professor als Erzähler, der ihm den Zeigefinger vorhält. Er will sich mit ihm identifizieren! Den besten Ratschlag, den ich dafür habe: Schreibe den ersten Entwurf, ohne über die Form nachzudenken. Schreibe an einen Freund. Liebe, über was du schreibst und an wen du schreibst. Sei mit dem Leser auf einer Augenhöhe, nicht über ihm. Nimm ihn und deine Figuren ernst.

Es gibt in deinem Buch zu viel Füllmaterial

Okay, es gibt Menschen, die lieben unnützes Gerümpel. Die haben nicht dagegen, 50 Seiten zu lesen, die man auch hätte streichen können. Dieser Punkt ist also von zwei verschiedenen Seiten zu betrachten. Für manche ist immerhin ein Buch unter 1.000 Seiten kein Buch. Ich bin der Meinung, alles muss einen Sinn haben. Ob es dafür da ist, die Atmosphäre zu bilden, den Charakter zu charakterisieren, eine wichtige Information zu geben oder die Geschichte voranzutreiben. Wenn etwas wiederholt wird, dann fällt das auf und ich denke beim Lesen: „Oha, das muss verdammt wichtig sein, das merke ich mir!“ Das sollte dann auch so sein, sonst sind wir wieder beim vorherigen Punkt: Denn sonst hat der Erzähler das Buch nicht unter Kontrolle und der Leser fühlt sich nicht an die Hand genommen.

Ein Werk muss nicht perfekt sein, finde ich. Proust wiederholt sich zum Beispiel in seinem Werk „Die Suche nach der verlorenen Zeit“ ständig. Er festigt dabei seeeeeehr langsam bestimmte Informationen. Proust darf das. Weil er andere Punkte geradezu perfekt macht. Ein paar Haken hinter den Punkten dieser Liste der Unverzeihlichkeiten sind in Ordnung. Bella aus Twilight ist geradezu charakterlos und trotzdem wollen Tausend Mädchen sein wie sie. Ich sage auch nicht, dass es nicht auch anders funktioniert. Aber Stephanie Meyer hat den Bestseller schon geschrieben, sie muss sich meine Kritik nicht anhören. Sie muss niemanden mehr zuhören, außer sie will sich für sich verbessern. Von mir aus mache jeden einzelnen Punkt falsch. Aber bitte aus Gründen.

Worin bist du anderer Meinung? Oder was fehlt? Fällt dir ein Buch ein, das offensichtlich einen Fehler gemacht hat, mit Absicht?

Magret_Unterschrift

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7 Antworten auf “11 Gründe, warum dein Buch scheiße ist und was du dagegen tun kannst”

  1. Phantasie und Mut! Diese Zwei sind unerlässlich, um zu schreiben. Ich kritzel das hin, was mir gefällt, was ich selber gerne läse, manchmal finde. Dann lass ich es liegen. Gefällts mir nach drei Monaten noch immer, behalt ich es, sonst fliegt es raus. Ist es gut? Keine Ahnung. Meine Romane will kaum einer. Meine Kurzgeschichten? Auch noch für umme! Ungelogen, abertausende Male. Warum? Auch keen Dunst, wa. Aber dein Beitrag, sehr erhellend! Viel zum Nachdenken, Nachlesen, Nacharbeiten. !!Danke!!
    Das Besondere bei mir, viel Phantasie vor allem in der Rechtschreibung! Stand schon in den Zeugnissen ;))
    Der erste Markus Heitz war noch ganz nett, seither geht es in diesem Bereich, Orks und Co., stereotyp zu. Selbst die Namen ändern sich nicht mehr. Ist es ein Fehler? Schwer zu sagen, da sie sich gut verkaufen lässt. Ein Hauptproblem sind aber auch die deutschen Verleger, die, Aussage mehrerer Buchhändler, lieber auf ausländische, vor allem Amerikanische Autoren zurückgreifen. Wenn möglich, noch mit einer Netflix-Serie im Gepäck.

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  2. Liebe Magret,
    danke für diese Tipps. Ein paar waren mir durchaus bekannt, aber gerade der Punkt Stärken und Schwächen war sehr informativ für mich. Ich neige dazu, immer alles perfekt machen zu wollen, um meine Schwächen zu verschleiern. Aber ich denke, ich muss akzeptieren, dass es Teil meines Stils ist, nicht alles zu können 😉
    Liebe Grüße, Alex

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    1. Liebe Alex, ich freue mich, dir helfen zu können! Tatsächlich sollte man selbstbewusst beim Schreiben sein, um eine gute Atmosphäre schaffen zu können. (Dann macht es auch mehr Spaß!)

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  3. Liebe Margret,
    so klare Worte hab ich noch nie gelesen oder gehört! Es hat mich nachdenklich gemacht und ich denke ich werde meine Kurzgeschichten einmal unter diesen Gesichtspunkten ansehen. Ansonsten schreibe ich Lyrik und glaube, dass deine Denkanstöße hier auch hilfreich sein können!
    Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße Romy

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    1. Liebe Romy, ich freue mich sehr, dich weitergebracht zu haben! Menschen wie du sind der Grund, weswegen ich diesen Blog weiterführen will. Danke für die Erinnerung! Und viel Erfolg mit der Überarbeitung!

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