5 Dinge, die ich vom Theater für das Schreiben abgeguckt habe

1. Nur wer die Scham überwindet, kann frei schreiben

Wer uns bei den Theaterkursen sehen würde, hielte uns für ein Tollhaus. Wir quaken und hüpfen, wir albern herum und kennen keine innerlichen Schranken. Aber das ist ein Weg und jedes Mal für mich erneut. „Sehe ich nicht total blöd bei dieser Übung aus?“, denke ich manchmal. „Diese Idee ist blöd, ich brauche was Besseres.“ Diese Scham blockiert uns. Wie kann ich einen Frosch spielen, wenn ich mir darüber Gedanken mache, wie gut ich es mache? Der Musiker John Frusciante hat aufgehört für die Öffentlichkeit Musik zu machen, weil er dabei nicht aufhören konnte, sich zu hinterfragen. Beim Schreiben versuche ich nun, es ähnlich zu machen, mich nicht zu bewerten und jeden kritischen Gedanken auf die Bearbeitungszeit zu schieben.

2. Aus Blödsinn kommt viel Gutes

Schrott ausprobieren schafft so manche Juwelen. Eine Bekannte und ich brainstormten mal bei einer Flasche Wein eine dumme Geschichte über eine Frau, die sich vor Zehen ekelt und deswegen nie lange mit Männern zusammenbleiben kann. Dann trifft sie einen Mann, der durch einen Geburtsfehler keine Zehen hat. Wir lachten uns schief und eckig, stoßen an und erfreuten uns an der Albernheit. Als ich Tschüss sagte und die Tür hinter ihr schloss, dachte ich plötzlich nicht mehr, dass die Idee so dumm sei. Ich schrieb eine Kurzgeschichte darüber, die wirklich gut geworden ist. Da fällt mir ein, die muss ich unbedingt noch mal ausgraben und überarbeiten. Beim Schreiben habe ich mir das zur Regel gemacht: Nichts ist zu kurios, abwegig, kindisch, um es auszuprobieren. Beim Theater macht man das genauso, man probiert eine Rolle in zig Variationen aus.

3. Kenne deine Wunden

Diese Regel kenne ich tatsächlich von den Filmemachern und das hat mich damals schon fasziniert. Auf meinem Campus war auch der Fachbereich Digital Media und ich habe häufig mit ihren Produktionen geholfen. Kunst ist immer etwas, das Emotionen auslöst. Auslösen muss/soll. Doch wie sollen deine Figuren fühlen, wenn du nicht weißt, wie man fühlt? Wütend sein? Angst haben, Scham? Lieben? Sich verletzt fühlen? Wir sind Menschen, wir alle können das, doch gerade über die negativen Gefühle huschen wir gerne drüber hinweg, bloß nicht zu viel von der Angst; nein, ich bin nicht wütend; weg mit dem Kummer! Aber zum Schreiben sollten wir lernen, Gefühle bewusst zu erleben*, sie bei anderen zu beobachten und diese zu formulieren. Schreiben ist Schauspielern auf Papier.

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4. Sage nicht Nein

Es gibt eine Improvisations-Übung, die ich liebe. Zwei Schauspieler treffen sich auf der Bühne ohne sich abzusprechen. Einer beginnt zu spielen, er kommt etwa mit einer Beschwerde. Der andere reagiert, jeder muss seinen Sprechpart je mit „Ja, aber“ beginnen. Dabei lernt man sehr gut, sich auf Situationen einzulassen, nicht immer auf Kontra zu gehen, nur weil ein Konflikt sofort Inhalt liefert. Dazu gehört auch das Einlassen auf den anderen Schauspieler, dem du Raum erlauben musst. Du hattest was anderes geplant? Schmeiß es weg, die Gegebenheiten haben sich geändert. Das übertrage ich auf das Schreiben. Der Autor ist nicht die Hauptperson in seinem Werk. Also höre auf deine Figur. Wohin führt sie dich? Sie will nicht das Haus abfackeln, dafür ist sie nicht radikal genug? Zwinge sie nicht, sonst wird es scheiße, vertraue mir.

5. Schreiben ist nicht Kopieren des wahren Lebens

Das Interessante am Leben ist, dass es überhaupt nicht realistisch ist. Kunst sollte als Essenz verstanden werden, als Interpretation. Im Journalismus weiß man, es gibt nicht die Wahrheit, nur die versuchte Wahrheit. Beim Schreiben habe ich gelernt: Authentizität hat nichts mit Wahrheit zu tun und fiktive Wahrheit nichts mit Realismus. Echt sind nur die Gefühle, die ausgelöst werden. Ein Beispiel: Eine Geschichte über ein Paar. Wir sehen, wie er sie im Bus anspricht, sie essen Suppe beim ersten Date (warum auch immer, sag niemals Nein!) und er besucht sie zuhause, bringt Wein mit und es geht Richtung Schlafzimmer. Doch während dieser ganzen Zeit hat er einen menschengroßen Tyrannussaurus rex neben sich stehen, der beobachtet und mitläuft, den weder er noch sie beachten. Realistisch ist das nicht, doch betrachtet man die Emotionsebene, hat sich etwas geändert. Genau so arbeitet man in der Schauspielerei. Durch Surrealismus, Überspitzung und sichtbare Stilmitteln werden Gefühle sichtbar gemacht. Damit wird aus einem Bericht  der versuchten Wahrheit  Kunst.


Hausaufgabe: Beschreibe deinen intimsten Moment. Natürlich freiwillig. Aber das halte ich für eine gute Übung, um sich selbst zu öffnen. Ich selbst werde es tun und werde erst einmal eine Weile brauchen, bis ich mich für einen Moment entschieden habe. Ach ja! Mit „intim“ meine ich nicht unbedingt Sex.

Intimität, die (Substantiv)
1. sehr nahe und vertraut (in Bezug auf das persönliche Verhältnis zwischen Menschen)
2. (verhüllend) sexuell
3. den Bereich der Geschlechtsorgane betreffend
4. (bildungssprachlich) im Innern eines Menschen verborgen; tief innerlich
5. (bildungssprachlich) bis ins Innerste, bis in die verborgenen Einzelheiten vordringend
6. (bildungssprachlich) anheimelnd, gemütlich, privaten Charakter habend

Quelle: duden.de

Wenn man eins mitnehmen kann, dann doch wohl, dass Kunst machen immer Geschichten erzählen ist, sei es in der Malerei, dem Schreiben, der Musik oder Schauspielerei. Alles ist Inszenierung. Jede Form davon ist sich im Kern ähnlich, daher sollten wir Autoren anfangen, uns von anderen Kunstformen inspirieren zu lassen. Es ist nicht nur Dramaturgie, Syntax und der berühmte erste Satz. Es ist Kunst.

Magret_Unterschrift

*Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Übung nur in Dosen und mit Vorsicht durchzuführen ist. Es ist nicht ungefährlich, seine größte Wunde zu finden und erneut zu durchleben. Es braucht Mut, in diese Gefilde vorzudringen, doch es braucht Stärke, wieder aufzutauchen.

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3 Antworten auf “5 Dinge, die ich vom Theater für das Schreiben abgeguckt habe”

  1. Liebe Magret,
    das sind eine paar sehr wertvolle Tipps. Schamlos zu sein, auch vor sich selbst, ist sicherlich nicht einfach. Aber ich versuche selbst immer öfter, diesen Punkt der Angst und Ungewissheit zu überwinden, nicht nur beim Schreiben.
    An deiner kleinen Hausaufgabe habe ich mich auch versucht. Nicht schriftlich, aber mündlich. Ich habe einen ganzen Augenblick gebraucht, um diesen intimen Moment in meinen Erinnerung aufzuspüren…
    Liebe Grüße, Alexandra

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  2. ich bin zwar kein großer freund von ratgebern, wo man stets das gefühl hat, das leben wäre eine Autobahn, du musst nur geradeaus fahren, schon kommst du irgendwann an, aber „kenne deine wunden“ gefällt mir. kurz & bündig: probiere dich aus, und sei anders.

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