Gelöschte Date-Szene aus den Zwei Königinnen

An keinem Buch habe ich so viel gearbeitet wie an meinem Debüt. Das liegt daran, dass ich als Autorin erst einmal wackeln und rütteln musste, bis ich mich fand. Einige Szenen gingen dabei drauf und es schmerzte. Kill your darlings, sagt man, und ja, so war es. Eine besonders große und gute Szene war das Date zwischen Ben und Elin. Ich liebe es, ich ging dafür selbst auf die Straße und schoss nach Bens Regeln Fotos. Das klappte wirklich gut!

Die Date-Szene musste fliegen, weil sich die Zwei Königinnen thematisch nicht das Liebespaar drehen und ich ihnen damit zu viel Aufmerksamkeit gab. Als ich das beschloss, löschte ich radikal ohne nachzudenken. Nun fragte ich meine beiden damaligen Testleser an, ob sie die Szene noch hätten. Testleserin 1 hatte gerade einen Tag zuvor (!) die Dateien vom Stick gelöscht! Testleserin 2 hatte zum Glück noch alles (Danke, danke!) und schickte sie mir zu. Und hier ist sie, die gelöschte und verschollene Date-Szene:

Elin traf sich am nächsten Morgen mit Ben, dem Fotografen. Das Licht war noch schwach und kühl. Er wartete an einer Straßenecke, an der Autos vorbeirauschten, der Wind pfiff und Menschen strömten mit Hund oder Kinderwagen in den nächsten Park. Ben hatte die Hände in den Manteltaschen vergraben und die Arme eng an den Körper gepresst. Als er sie erblickte, strahlte er und sie lächelte verlegen.
Hallo!“, stürmisch umarmte er sie und hielt ihr gleich darauf eine kleine Kamera hin. „Die ist für dich. Sie ist alt, aber macht immer noch sehr schöne Bilder.“ Auf der Seite klebte ein Sticker mit der Aufschrift Don’t forget to come home. Vergiss nicht nach Hause zu kommen. Seine Kamera war größer, sah aber auch verschlissen aus.
Ich auch?“, fragte sie und griff vorsichtig nach der Kamera. Sie war schwerer als erwartet und kalt.
Na klar! Wenn schon, dann machen wir es richtig. Hast du schon mal fotografiert?“
Sie verneinte, schaltete die Kamera ein und hielt sie sich vor das Auge. Durch die Linse sah sie einen lachenden Ben, die restliche Welt war ausgeklammert, der Hintergrund verschwommen.
Drück ab!“, sagte er und das tat sie.
Sie sollte sich die erste Person aussuchen, der sie folgen sollten. Ihr Blick huschte durch die Menschenmenge und sie sah eine junge Frau, die als eine der wenigen nicht in den Park eilte, sondern erhobenen Hauptes der Straße folgte. Ihr Rucksack hatte einen rebellischen Spruch aufgestickt: Nieder mit der Kepler-Klassengesellschaft! Elin deutete mit dem Kinn auf sie und lief los, Ben neben ihr.
Es fühlte sich für sie fremd an, neben einem anderen Menschen zu laufen. Sie war es gewöhnt, alleine zu sein. Selbst an Paula hatte sie sich noch nicht gewöhnt. Doch das hier mit Ben war etwas Anderes. Es war spannend.
Anfangs fotografierte keiner von ihnen. Sie waren aufgekratzt, blickten sich immer wieder an und lächelten. Dann sah Ben etwas und Elin beobachtete verzückt, wie er plötzlich fokussiert die Kamera hob und direkt abdrückte. Er änderte die Position, senke sich ein wenig. Der Wind peitschte ihm noch immer ins Gesicht, von ihm unbemerkt. Er blickte sie an, und ihre Augen huschten schnell hin und her, nur nicht mehr zu ihm.
Sie läuft weg!“ Sie meinte die Frau mit dem Rucksack, die schon auf der Mitte einer Brücke war, ihr Schal wehte hinter ihr her. Sie gingen ebenfalls über die Brücke, aber Ben blieb stehen, um etwas zu fotografieren.
Elin schaute in dieselbe Richtung und konnte nicht erkennen, was er fotografierte. Sie sah Wasser, eine andere Brücke in der nebeligen Ferne, links und rechts Häuserwände. Sie drückte auch einmal ab, nur um es zu testen. Auch auf dem Bildschirm sah sie kein gelungenes Motiv.
Ben zeigte ihr sein Bild. Und sie verstand. Er hatte die Häuserwand fotografiert, auf die von einem Hochhaus halb ein Schatten geworfen wurde und dieser bildete eine klare Linie bis zu dem Punkt, an dem die Brücke begann und in einem zarten Bogen über den Fluss führte. Die realen Dinge wie Haus, Brücke, Wasser, Schatten wurden zu abstrakten Formen und Farben.
Das ist ja wie Malen“, entfuhr es ihr.
Nun ja.“
Du interpretierst die dir gegebenen Sachen einfach neu.“
Jetzt klappte es besser. Sie versuchte die Welt neu zu betrachten. Stell dir vor, du sähest all diese Dinge heute zum ersten Mal. Du kennst keine Straßenzüge, keine Häusertüren, kein Licht und kein Schatten. Elin, die Neugeborene, vertiefte sich in ihre Entdeckungsreise. Eine dünne, weiße Plastiktüte verfangen in einem Baum. Eine leere Flasche warf einen grünen Schatten in einem sonst leeren, durchlöcherten Metallmülleimer. Eine rostige Türklinke mit abblätternder Farbe. Ein leerer, geöffneter Kühlschrank auf einer Kreuzung.
Die Frau mit dem Rucksack ist weg“, fiel ihr schließlich auf. Ben suchte sich jemand Neues aus, einen Mann mit klobigen, farbbeklecksten Schuhen und Blaumann.
Zwar konnte Elin nun besser mögliche Motive sehen, dennoch merkte sie, dass es sie immer wieder zu den Menschen zog. Sie sagte es Ben.
Dann fotografiere Menschen. Du solltest dich nicht dagegen sträuben.“
Wirklich? Es gibt keine Regel für diese Ausflüge, dass es nur um Objekte geht?“
Menschen sind auch Objekte. Außerdem gibt es überhaupt keine Regeln. Es gibt nur uns.“
Menschen zu fotografieren fühlte sich an wie atmen. Wie endlich zu atmen!
Sie liefen durch ihnen unbekannte Straßen, bis der Bauarbeiter schließlich unter einer Absperrung hindurch zu einem Steingerippe ging.
Und jetzt?“, fragte Elin enttäuscht.
Gegenüberliegend stand ein großes ziegelfarbenes Haus mit zwei spitzen Türmen, vor dem Fahrräder standen.
Lass uns dort reingehen, es sieht öffentlich zugänglich aus“, sagte Ben.
E
lin zog die schwere Holztür auf, drinnen war niemand. Gehst du oft in Häuser rein?“, fragte sie.
Nein, nie. Das ist für mich neu.“ Er schob sie sanft an der Schulter drückend hinein.
Es war ein altes Haus mit Steinboden und einer hohen Wölbedecke. Schnitzereien und Muster trafen sich in der Mitte und formten eine große Sonne. Durch große Fenster fielen Lichtstrahlen in die Halle.
Wow“, machte Elin und ihr Ausruf, obwohl geflüstert, hallte zu ihr zurück. Sie waren noch immer allein.
Ben machte ein Foto und schüttelte dann den Kopf. Er machte noch eins. Und legte sich anschließend auf den Boden.
Was machst du?“
Er antwortete nicht und schoss ein Foto. Es schien ihm dieses Mal besser zu gefallen. Er machte noch eins. Leg dich neben mich“, sagte er.
Verlegen kroch sie neben ihn, einen Sicherheitsabstand wahrend, um ihn nicht zu berühren.
Mir gefällt deine neue Frisur“, sagte er.
E
lin starrte an die Decke; sie wusste nicht, wie man auf Komplimente reagiert. Ich dachte, es wär dir gar nicht aufgefallen“, sagte sie leise, weil sie sich vor dem Echo fürchtete.
Natürlich! Du siehst wunderschön aus.“
Ihre Haut brannte auf dem kühlen Stein und die Sonne zeichnete helle Streifen auf sie. Sie sagte nichts.
Du bist es wohl nicht gewohnt, Komplimente zu kriegen.“
Nein.“
Kannst du welche machen?“
Darin bin ich auch miserabel.“
Musst du nicht einen möglichen Interviewpartner einwickeln, um ihn für dich zu gewinnen?“
Dann kann ich das.“
Was würdest du mir dann sagen?“
S
ie überlegte kurz. Ihr Auge macht Geschichten zugänglich, die sonst nie jemand gesehen hätte. Die es ohne Sie gar nicht geben würde. Daher halte ich es für wichtig, Ihre Bilder den Menschen zu zeigen“, sagte Elin der Decke über ihr.
Du.“
Was?“
Nicht Sie.“
Ich duze meine Interviewpartner nicht.“
Trink einen Kaffee mit mir.“
Möchtest du nicht mehr fotografieren?“
Ich möchte lieber mit dir reden.“
Na gut.“
Elin fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, ein Gespräch mit ihm führen zu müssen, da sie befürchtete, er würde herausfinden, dass sie nichts zu sagen hatte, dass sie eine furchtbar flache Person war. Doch Ben war gut im Reden, in seiner Gegenwart wurde sie locker. Er zwang sie nicht, zu antworten. Stattdessen erzählte er von sich und war geduldig, bis sie von sich aus etwas erwiderte. Langsam begann Elin zu verstehen, was jeder meinte, wenn er vom Verlieben sprach.
Auf dem Nachhauseweg nahm sich Elin vor, Paula von dem Treffen zu erzählen. Sie würde ihr sagen, dass sie ihn weitertreffen möchte. Sie würde es so aufziehen, als sei es selbstverständlich, dass sie diejenige sein würde, nicht sie. Sie teilte ihr ganzes Leben durch zwei, Ben wollte sie für sich allein haben.

Von denjenigen, die das Buch gelesen haben, würde es mich interessieren, was ihr von der Szene haltet. Fehlt sie doch im Buch? Ist sie zu kitschig? Stimmt ihr mir zu, dass sie mit recht gelöscht wurde?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s