Die Autorin Nika Sachs im Gespräch: „Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster!“

Ab Anfang des Monats gibt es endlich die lang ersehnte Anthologie „Sehnsuchtsfluchten“ zu kaufen. Fünfzehn Autoren schrieben über Emotionen – in allen erdenklichen Genres. Die Idee für dieses Experiment hatte Nika Sachs, Autorin der erfolgreichen, selbst publizierten Novelle „Namenlos“. Auf Twitter nahm sie sich für mich etwas Zeit, um mit mir über die Hintergründe des Schreibens zu sprechen.

nikas bild

Magret:
Zwei Sätze aus deinen Geschichten in der Anthologie haben mich lange nachdenken lassen: „So fühlte sich das unbestimmte Verlangen nach Seelenheil in mir an. Als ob ich erst mal ein Mensch werden müsste.“ Dieses Bild kommt in deinem Text wieder. Was bedeutet es dir, Mensch zu sein, lebendig zu sein?

Nika:
Lebendig ist für mich ein wichtiges und intensives Gefühl, das ich vom Anspruch einer Realität entkoppelt sehe. Es ist mir egal, ob ich tatsächlich existiere oder nur ein Trugbild in einer Matrix bin. Solange es sich richtig anfühlt, mich in dieser Sphäre wahrzunehmen, bin ich zufrieden.

Magret:
D.h. dauerhafte Unzufriedenheit steht mit dem Tod auf einer Ebene?

Nika:
Es bedeutet Stillstand, oder zumindest einen unangenehmen Zustand, mit dem ich mich nicht identifizieren will. Wenn der Tod bedeuten würde, dass es mir gut geht, ich ausgeglichen bin und mich darin wohlfühle, tot zu sein, wäre das auch okay.

Magret:
Heftig! Sind deine Geschichten deswegen so extrem? Deine Protagonisten scheinen oft alles auf eine Karte zu setzen.

Nika:
Na ja, im Endeffekt wissen wir ja gar nichts. Wir glauben, dass wir leben, aber wissen tut es keiner wirklich. Vielleicht hängen wir alle in einer Matrix fest und träumen? Ich bin kein Verfechter von Verschwörungstheorien, sehe das eher mit Humor. Ich glaube, es geht dem Mensch immer nur um die Begrifflichkeiten, an denen wir uns festhalten, die wissenschaftliche Erkenntnisse beschreiben, die wir zum derzeitigen Stand haben. Und wenn man etwas katalogisieren kann, wenn es in eine Schublade passt, sind wir glücklich. So geht es uns doch auch mit den Menschen, die wir so einordnen. Meine Protagonisten sind gar nicht so weit weg von der Realität, die ich beobachte. Aber ihre Konflikte sind zeitlich komprimierter, weil ein Buch einfach nicht ewig lang sein kann.

Magret:
Das ist interessant. Meine Realität, die ich beobachte, ist anders. Ich habe das Gefühl, Menschen flüchten sich eher in Stillstand. Bloß keine zu schnellen Bewegungen.

Nika:
Manchmal würde ich das auch gerne. Mein Leben passiert immer mir und ich nicht meinem Leben. Aber das ist doch gut, dass dein Umfeld, deine Realität anders sind – stell dir mal vor, wir alle würden das Gleiche erleben, die Buchwelt wäre sehr eintönig

Magret:
Oh ja. Nicht nur die Buchwelt … Du schreibst über den „hässlichen Anflug von Ironie, die mich so oft gerettet hat“. Das gefällt mir. Und deine Protagonistin hat Recht, wir verstecken uns viel zu häufig hinter der Ironie. Solche unangenehmen Wahrheiten sind immer Teil deiner Geschichten. Warum?

Nika:
Weil ich in Geschichten brutal ehrlich mit mir und dem Leben ins Gericht gehen kann, ohne mich zu verlieren. Es befreit, wenn man mal alles raus lässt, das einem im Alltag die Luft abschnürt, wenn man es sich eingesteht.  Andere Autoren wie Goethe z.B. haben ihre Protagonisten am Ende umgebracht, weil sie damit ihre eigene Situation verarbeitet haben. Ich kann das gerade nicht belegen, weiß nicht, wo ich das gelesen habe.

Magret:
Selbst wenn es am Ende mit Goethe nicht stimmen würde, wäre es eine schöne Geschichte. Das reicht mir. Erlebst du es auch manchmal, dass du dich wie getrieben fühlst, wenn du mal länger nicht zum Schreiben kommst? Wie ein dringendes Bedürfnis, das eilt.

Nika:
Absolut! Schreiben ist in mir, Erzählen ist mein Medium. Knapp vor Zeichnen und Singen. Etwas zu Papier zu bringen hat für mich einen reinigenden und berauschenden Charakter zugleich. Wenn ich nicht arbeite, platzt mein Kopf und ich werde unausstehlich.

Magret:
Dann bin ich froh, dass du so viel schreibst! Immer wieder merke ich, dass du die Königin der charmant, zynischen Dialoge bist. Welchen Stellenwert hat für dich Kommunikation in der Literatur?

Nika:
Moment, ich muss kurz ein Cool-Pack auf meine Tomatenwangen drücken … Danke! Sie hat denselben Stellenwert wie außerhalb der Literatur. Ich habe Freude an solchen Dialogen, weil ich tatsächlich so denke. Leider fallen sie mir in einer Face-to-face-Konversation oft nicht schnell genug ein; soziale Interaktion fällt mir so oder so schwer, weil mich die Anwesenheit von Menschen ablenkt und mir den Fokus auf die Worte legt. Schreiben ist Entspannung für meinen Kopf.

Magret:
Deine Geschichten wirken immer roh und echt, intellektuell und ein bisschen kaputt. Selbst dann noch, wenn fantastische Elemente dazukommen. Benutzt du das Schreiben nie als Flucht? Um dir das Leben etwas pinker und glatter zu schreiben?

Nika:
Tatsächlich: nein. Ich würde nicht mit Luc tauschen wollen. Auch nicht mit jemand anderem aus diesem Kosmos. Die Geschichten lesen sich natürlich spannend, als hätte jemand Glitzer über einen Haufen Dreck gestreut, aber sie würden sich in dem Moment genauso anfühlen: scheiße. Man merkt das erst am Ende. Ich suche Lösungen, aus solchen Situationen herauszukommen, Lösungen, die einem im realen Leben helfen können. Z.B. wann der richtige Zeitpunkt für eine Entschuldigung oder ein Geständnis ist, damit es nicht schlimmer wird. Oder auch, wann es besser ist, einfach alles zu schmeißen und was Neues zu versuchen. Ich lerne durch das Schreiben selbst, mich ein bisschen objektiver zu betrachten. Das hilft, einen klaren Kopf zu behalten.

Magret:
Das sorgt vor allem dafür, dass man mit jeder Geschichte über sich hinauswächst. Weil das Schreiben dich zum Reflektieren zwingt. In „Take it, Easy“ treffen wir Figuren, die wir später auch in deiner Romanreihe finden werden. Du hast Luc schon angesprochen. Warum spuken die Protagonisten so stark in deinem Kopf herum?

Nika:
Weil sie mich reflektieren. Sie sind alle ein Teil von mir – der eine mehr, der andere weniger. Ich bin zu einem großen Teil wie Luc und Silas. So ein Vollidiot mit Humor und auch so boshaft und verbittert. Sie kennen mich gut und ich sie, solange ich Ideen für Geschichten habe, die sich nicht wiederholen, werde ich sie erzählen lassen. So ein Alter Ego, das einem die Scheißerfahrungen vor- und nacherlebt hat schon Vorteile 😉

Magret:
Alter Ego – ein schöner Begriff für Protagonisten. Ich schätze das sind auch meine Figuren für mich.

Nika:
Ich glabe nicht, dass ich in jedem Protagonisten stecke, den ich schreibe. Erst recht nicht in dieser Intensität. Aber Empathie ist wichtig. Die lernt man nur durch viel Beobachtung, Erfahrung und Fehltritte, denke ich.

Magret:
Ich stelle es mir gerade den Moment vor, in dem du erkennst, dass Silas, Luc und die anderen fort sind. Dass es nichts mehr über sie zu sagen gibt. Das muss sehr traurig werden.

Nika:
Das stimmt. Ich glaube, diese Personen werden immer ein Teil von mir sein. In meinem Kopf existieren sie so real, als ob sie neben mir wohnen würden. Und das macht mich glücklich. Wenn sie pausieren oder von der Bühne gehen, machen sie Platz für neue Stimmen und Gesichter, die vielleicht auch ganz groß werden können. Ich freue mich darüber und von Zeit zu Zeit lese ich in meinen eigenen Texten und frage mich, woher ich die Ideen genommen habe. Es bleibt immer ein Hauch Magie hängen

Magret
Magie, ja, aber eben auch Können. Welche Eigenschaften schätzt du an dir selbst als Autorin?

Nika:
Disziplin, Selbstironie, bescheuert und sozial untauglich verträumt sein, den Hauch von Wahnsinn.

Magret:
Oh. Das beschreibt auch sehr gut deine Texte.

Nika:
Das freut mich.

Magret:
Es gefällt mir, wie schnell du deine positiven Seiten aufzählen kannst. Das zeugt auch von Reflexion.

Nika:
Auch ein Teil der Selbstironie. Ich verkaufe meine Negativseiten als Antiquitäten mit liebevoll abgewetztem Polster. Das Glas ist halb voll oder halb leer oder die Frage, ob Gin Tonic oder Wasser drin ist. Wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt, sind auch die Verfehlungen plötzlich weniger wichtig. Das hilft dabei, immer weiter zu machen

Magret:
Mir wurde mal gesagt, ein Autor habe die wertvolle Fähigkeit, aus seiner Scheiße Gold zu machen. Dieser Satz hat mich stark geprägt. Und ich finde es auch bei dir wieder.

Nika:
Das stimmt. Man muss nur eines bedenken: Das, was für andere glänzt wie Gold, ist unter der Oberfläche immer noch Scheiße. Für mich als Autorin ist es schwer, zu entspannen. Das Leben inspiriert mich andauernd oder bremst mich, ich zweifle, hadere und frage mich auch mit 30 noch, wo ich hingehöre. Diese rastlose Suche ist eine gute kreative Quelle, aber eben auch eine Bürde.

Magret:
Spürst du keine Erleichterung, wenn du darüber geschrieben hast?

Nika:
Ja und nein. Nach dem Buch ist immer vor dem Buch. Aber ich es zeigt mir, dass ich eine Aufgabe habe und das macht mir Hoffnung, das Richtige für mich zu tun.

Magret:
Das stimmt. Schreiben schafft Struktur und Sinn. Schreiben ist eigentlich auch etwas Einsames. Man ist beim Prozess immer alleine. Mit „Sehnsuchtsfluchten“ hast du es teilweise zu etwas Gemeinsamen gemacht.   Wie kamst du auf die Idee, eine Anthologie herauszubringen?

Nika:
Das ist richtig und genau deshalb war das Projekt auch so spannend! Ursprünglich dachte ich, es wäre mal interessant, zu sehen, was passiert, wenn man unterschiedliche Genres in einen Rahmen packt. Und daraus wurden fünfzehn Autoren mit beinahe 30 Geschichten, die alle wie ein Zahnradgetriebe harmonisieren. Aus dem Text-Experiment wurde ein Sozial-Experiment, bei dem wir in sehr kurzer Zeit sehr viel gelernt haben: Durchhaltevermögen, Kritikfähigkeit, Kollegialität, Kreativität und Marketing. Es war anstrengend und ist mit Sicherheit nicht immer koordiniert und fehlerfrei gelaufen, aber ich finde, für den Stand, den wir alle hatten, ist es rasant sehr professionell geworden.

Magret:
Von Anfang an fühlte sich alles gut an. Vor allem, weil jeder einzelne bereit war, hart zu arbeiten. Es wurden Deadlines eingehalten, es wurden Sachen abgestimmt und vor allem wurde sehr viel inspirierender Unsinn geredet. Diese lockere, doch engagierte Atmosphäre haben wir vor allem dir zu verdanken, denn du hast uns zusammengebracht und -gehalten. Wie empfandst du die Zusammenarbeit mit den vielen unterschiedlichen Autoren?

Nika:
Das tut gut, dass du das sagst! In erster Linie war es viel Arbeit, ich war oft unsicher, ob wir alles richtigmachen. Aber mit der Zeit wurde es entspannter und die Energie, die ihr versprüht habt, hat mich angesteckt. Es war unglaublich cool, diesen Ehrgeiz bei euch zu verfolgen und zu wissen: das wird ein tolles Buch. Jederzeit wieder, gerne auch mit derselben Truppe!

Magret:
Da wäre ich auf jeden Fall auch wieder dabei! Aber erst mal kommt die Genussphase, denn unsere Anthologie ist draußen. Was wünscht du dir für Sehnsuchtsfluchten?

Nika:
Dass wir die Kosten der Herstellung decken und nach Abzug des Finanzamts noch genug übrigbleibt, damit wir ein bisschen dekadent feiern können 🙂 und, dass wir alle einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen, viele Leser begeistern und es vielleicht sogar in den einen oder anderen Buchladen schaffen.

Magret:
Das sind gute Wünsche. Ich freue mich auf deren Erfüllung! Ich danke dir, Nika, für das Gespräch. Es wird noch eine Weile bei mir nachhallen.

Nika:
Bei mir auch, hat wirklich viel Freude gemacht! Vielen Dank 🙂

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