„Zwei Königinnen“ anlesen: die ersten 30 Seiten

ERSTES KAPITEL

Ihre Finger waren immer auf der Suche nach Berührung, sie griffen und tasteten viel begieriger als Elins. Sie befühlten die Kante der kleinen Pappkarte, auf der die Wartenummer stand, sie untersuchten sie streichelnd von einer Ecke zur nächsten, den kleinen Finger in die Luft gestreckt. Obwohl Elin weit weg einige Sitzreihen von ihr entfernt saß und nicht diese fremde Frau war, glaubte sie, die Karte auf ihren Fingerkuppen spüren zu können, Pappe auf Haut. Sie meinte sogar, die Berührung als leichtes Kratzen zu hören. Sie schaute auf ihre Hände und nun waren sie wie die der Fremden, nicht mehr schmal und mit spitz zulaufenden Fingern, sondern rund endend und ruhelos auf der Suche. Die Haut auf den äußeren Händen war dunkel wie Mahagoni, die Innenflächen waren fast so hell wie Elins. Die tiefen Linien auf den Handflächen erzählten von einem fremden Leben. Eine kalte Woge fuhr Elins Rückenmark entlang, fast glaubte sie die fremde Frau zu kennen.

Wieder blickte sie zu ihr. Ihre Brüste waren größer als ihre und Elin spürte, wie sie sie bei jedem Atemzug anhob und wie der enge BH das weiche Fleisch in ein festes Paket verpackte. Auf ihren Knien saß ein Junge, nicht älter als vier, und er blätterte laut plappernd in einem Buch mit dicken Pappseiten. ››Es gibt auch viel größere Käfer, aber der war nur klein und saß auf meiner Hand, und ich wollte ihn küssen, aber er war zu klein‹‹, erzählte er. Seine Mutter – die Elin nun war – schlug vor, er hätte ihm einen Kuss durch die Luft schicken können, denn diese sei immer in Bewegung, es gäbe keine Luft ohne Wind. (››Stimmt das?‹‹, dachte das alte Ich Elins, aber sie hörte nicht hin.) Der Junge blickte hoch, liebte die Geschichte, doch sein Lachen verriet, dass er ihr nicht glaubte. Elin spürte den Blick einer Mutter, der auf ihren Sohn fällt, und die Liebe darin trieb ihr Tränen in die Augen. Eine Welle warmen Glücks rollte über sie hinweg und die Hitze schwemmte sie zurück in ihren eigenen Körper.

Sie schaute zu der Mutter, wie sie ihre Pappkarte streichelte und Geschichten für ihren Sohn erzählte. Sie war wieder eine Fremde. Elin umfasste ihren eigenen Körper mit ihren Armen. Ihr schwindelte, wie immer, wenn sie darüber nachdachte, wie zufällig sie nur ausgerechnet Elin war und wie anders die Welt sein musste, wenn man sie mit einem anderen Körper beging, mit anderen Augen betrachtete. Wie anders und wie ähnlich. Ihr Blut rauschte und die Wärme ihres Gedankenspiels verließ sie, sie fröstelte.

Elin war die geborene Beobachterin, ihr Äußeres unauffällig und gewöhnlich. Sie war weder besonders groß noch klein, ihre Haare fielen glatt auf die Schultern und die Farbe lag zwischen dunkelblond und hellbraun ohne viel Licht zu reflektieren. Ihre Gesichtszüge waren angenehm anzusehen, aber nicht interessant genug, um zu verweilen. Sie bewegte sich besonnen und ruhig, ihre Blicke drängten sich nie genug auf, um aufzufallen. Aber sie konnte in fremde Körper eintauchen, immer als stiller Gast, niemals besitzergreifend. Und während sie sich von den Menschen wieder zurückzog und sie alleine ließ, blieb nichts von ihr zurück, aber sie nahm von jedem etwas mit.

Sie blickte auf ihre spitzen Finger hinab, auch sie hielten eine Pappkarte. Sie betastete sie wie sie es bei der Frau gesehen hatte. Die fremde Bewegung fühlte sich wie ein anderes Leben an.

Sie war am Bahnhof, einer dieser Sorte, mit denen man auch andere Planeten erreichen konnte. Wortfetzen hallten durch das Gebäude und um sie herum setzten sich Leute oder standen wieder auf, weil sie an der Reihe waren. Sie waren alle in graues Licht getaucht, das durch die hohe aus kleinen Fenstern bestehende Kuppel fiel. Die große Halle ließ jeden Menschen bedeutungslos wirken, das gewölbte Glasdach schien so weit entfernt wie der Himmel und tatsächlich konnte man ein großes Stück davon sehen, Wolkengruppen in den verschiedensten Grautönen oder an seltenen Tagen ein strahlendes Blau. Das Wetter tauchte die Halle in stimmungsvolle Lichtspiele und nicht selten erkannte so mancher sie nicht wieder, der sie nur an regenreichen Tagen kannte und nun zum ersten Mal in einem sonnigen Moment durch den Eingang schritt.

Elin streckte sich, um wieder Leben in ihren eigenen Körper zu bringen. Eine blasse Frau mit schwerem Blick, die neben ihr gesessen hatte, stand auf und lief mit schaukelnder, fast den Boden berührender Tasche zu der Sicherheitsschranke, die man vor dem Reisen passieren musste.

Elins Nummer von ihrer Pappkarte erschien auf dem großen Bildschirm über ihnen, zusammen mit einer 1, die für die Kabinennummer stand. Auf dem Weg dorthin musste sie durch die Sicherheitsschranke und eine Frau in hellblauer Uniform und mit Augen wie Stahl sah sich ihre ID an.

››Zweck der Reise?‹‹, fragte sie.

››Ein beruflicher Termin.‹‹ Elin schlüpfte in eine Maske und gab sich professionell und routiniert.

Der Blick der Angestellten wich nicht von der ID-Karte ab. ››Wann reisen Sie zurück?‹‹

››Noch heute Abend.‹‹

››Wann haben Sie das letzte Mal etwas gegessen?‹‹

››Vor vier Stunden.‹‹

››Irgendetwas aus Eisen dabei?‹‹

››Nein.‹‹

Obwohl die Standart-Prozedur jedes Mal die gleiche war, befiel Elin eine Unruhe, als würde etwas nicht stimmen. Die professionelle Maske überhörte die innere Warnung.

Plötzlich wurde die Stimme der Frau mit dem Eisenblick weich und sie lächelte sie an: ››Ich wünsche eine gute Reise, Kabine 1. Guten Tag.‹‹

Sie gab ihr die ID zurück und streckte schon die Hand aus, um die des nächsten Reisenden entgegenzunehmen. Elin belächelte ihre Unruhe. Diese war schon vergessen. Ihre Beine steuerten auf die schmale Tür mit der leuchtenden 1 zu, die sich am Anfang einer Reihe völlig identischer Türen befand. Während sie die Kabine betrat, bemerkte sie die Frau mit den großen Brüsten und dem Jungen, die ebenfalls gerade die Sicherheitsschranke verlassen hatte. Die Frau hatte ihren Sohn an der Hand, der sich verträumt ziehen ließ. Dann schloss sich die Tür und Elins Umgebung färbte sich in mit künstlichen Licht beleuchtete Farben.

Der Raum war klein und geräuscharm. Er enthielt einen gepolsterten Sitz und einen in der Wand eingelassenen Automaten, der einen frischen Becher mit einer durchsichtigen Flüssigkeit bereitstellte, sobald ein Reisender eintrat.

Elin zog ihren Mantel aus und hing ihn an einen Haken, ihre Tasche stellte sie darunter. Sie fühlte sich beengt und gefangen, sie wollte die Reise so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie setzte sich und ihr Blick fiel auf eine Anleitung, die auf Augenhöhe angebracht war. Sie kannte sie schon und musste sie nicht wieder lesen, um zu wissen, was zu tun war. Trotzdem huschten ihre Augen noch einmal über die Zeilen. Sie lächelte bei der Erinnerung an ihre erste Reise, als sie mit schwitzenden Handflächen die Anleitung vier Mal durchgelesen hatte, bevor sie sich traute, den Prozess zu starten:

 

  1. Stellen Sie sicher, dass sie seit vier Stunden vor der Abreise nichts gegessen und keine Medikamente genommen haben.
  2. Entfernen Sie vor der Reise alle Gegenstände, die ganz oder teilweise aus Eisen bestehen. In den Bahnhofsgängen finden sie Schließfächer.
  3. Trinken Sie den Becher ganz aus. Er enthält eine Mischung aus Beruhigungsmittel und Barophyl, das die Bindungen zwischen kleinsten Partikeln lockert. Falls Allergien bekannt sind, sprechen Sie bitte vor der Reise mit dem Personal.
  4. Drücken Sie START. Innerhalb einer Minute wird die Reise aktiviert. Sie können im Sitzen oder Stehen reisen.
  5. Trinken Sie nach der Ankunft das bereitgestellte Glas Wasser. Häufige Nebenwirkungen können leichte Kopfschmerzen oder Übelkeit sein. Sollten die Beschwerden nicht abklingen oder stärker werden, suchen Sie bitte einen Arzt auf.
  6. Verlassen Sie die Kabine am Ankunftsort umgehend.

 

Elin trank den Becher aus, drückte den Knopf mit der Aufschrift START auf der Armlehne und schloss die Augen.

Es änderte sich fließend und sehr schnell. Vielleicht fing es mit einem leichten Schwindel an, aber jedes Mal folgte zu schnell ein Gefühl der absoluten Orientierungslosigkeit, als dass man den Anfang der Auflösung in einem Zeh oder den Ohren lokalisieren könnte. Die Reise realisierte man erst, wenn sie vorbei war, dann erinnerte man sich an Einzelheiten. Es fing an mit dem letzten Atemzug des Körpers. Das Ich wurde die Welt und die Welt wurde das Ich. Man war der Meeresschaum und die Sandkörner der Wüsten, man war der Lauf aller Gewehre und jede einzelne der sich küssenden Lippen. Vielleicht war es ein bisschen wie sterben. Alle Gefühle von allem Existierendem waren in diesem Moment vereint und ließen einen atemlos zurück.

Deswegen bemerkte sie erst nicht, dass etwas falsch war. Der erste Atemzug war schwer, fast als hätte sie verlernt zu atmen. Sie bemühte sich, Luft zu holen. Noch einmal. Noch einmal. Sie begann, ihre Sinne wieder wahrzunehmen. Es war dunkel, das gehörte nicht zur regulären Abfolge. Eigentlich müsste sie helles Licht empfangen. Intuitiv wusste sie, dass etwas schiefgelaufen war. Keine elektronische Stimme begrüßte und warnte sie, sich erst langsam zu bewegen, um einem Schwindel vorzubeugen. Sie blieb sitzen, vielleicht war es nur ein Computerfehler. Eine Minute verstrich und nichts geschah, nur das Rauschen in ihren Ohren wurde lauter.

Also stand sie auf. Ihre Jacke hing am Haken, ihre Tasche stand darunter. Sie ärgerte sich über ihre zittrigen Hände, denn sie hatte in weniger als einer Stunde ein wichtiges Treffen und wollte nicht unsicher wirken. Sie hielt sich streng an eine Herangehensweise an andere Menschen, die sie ihr ganzes Leben lang trainiert hatte. Sie verhielt sich so mit ihnen, wie diese es als ››normal‹‹ genug empfinden würden. Würde sie zaghaft werden, würde sie sich in das wortkarge Mädchen verwandeln, das sie sonst war. Und ihre Erfahrung lehrte sie, dass andere Menschen sich so neben ihr unwohl fühlten.

Gerade als sie die Tür öffnete, stürmte die ernst aussehende Frau von der Sicherheitsschranke auf sie zu. Das Licht der Bahnhofshalle blendete sie und sie hörte die Stimme der Frau ohne den Sinn dahinter zu verstehen. Sie machte eine Handbewegung, dass Elin ihr folgen sollte. Bei den ersten Schritten erkannte sie schließlich, was los war: Wenn die Sicherheitsfrau dieselbe war, musste sie noch am selben Ort sein.

Sie wurde in einen Raum mit blassroten Wänden gebracht, einem großen Kalender mit einem Bild von Buddha an der Wand und unbequemen Möbeln.

››Wie lange hatten Sie vor, zu bleiben?‹‹ Die Sicherheitsfrau saß ihr an einem Tisch gegenüber und stellte ihr die gleichen Fragen noch einmal. Ihre Miene verriet nichts. Sie musste schon fast 40 sein und Elin konnte keine Falten entdecken, die verraten hätten, dass sie jemals gelächelt hätte.

››Ich wollte heute Abend wieder zurück.‹‹

››Wann haben Sie zum letzten Mal gegessen?‹‹

››Heute Morgen.‹‹

››Auch keine Kleinigkeiten zwischendurch?‹‹

››Nein.‹‹

››Mhh‹‹, machte sie und begutachtete Elin, als sei sie ein Wunder der Physik, dass sie gerne knacken würde.

››Eisen?‹‹

››Nein.‹‹

Sie stand auf und strich sich ihre Bluse dabei glatt: ››Mein Vorgesetzter wird gleich noch mit Ihnen sprechen.‹‹ Und sie ließ sie allein.

Elin wartete über eine halbe Stunde. Zuerst legte sie ihren Kopf auf die Tischplatte, schloss die Augen und wartete, bis der Schwindel vorbei war. Sie hatte das Gefühl, dass es schlimmer als sonst war. Nach einigen Minuten wurde ihr Kreislauf stabiler. Noch immer kam niemand. Nervosität ließ ihre Atemzüge flatterhaft werden. Sie versuchte sich mit Gedankenexperimenten abzulenken: Wie sie den Mann aus dem Café wiedersah, den sie vor zwei Tagen getroffen hatte. Sie stellte sich vor, wie sie sich vor einer Bar treffen und sie souverän und hinreißend war. Wie seine Hand nah an ihrem Ellenbogen lag und er ihn langsam mit seinem Finger streichelte. Wie sie nicht viel sagen müsste und er sich trotzdem mit ihr wohl fühlen würde. Wie sie das so verlegen machen würde, dass sie ihm nicht in die Augen schauen könnte. Und er würde weiter streicheln, ihr verwirrende Schauer über die Haut schicken.

Sie erträumte sich diese Szene zwei Mal und war noch immer allein. Gerade als sie aufstehen und aus Langeweile den Kalender durchschauen wollte, ging die Tür auf. Herein kam ein Mann in Anzug und strenger Miene. Er stellte sich als Herr Klappert vor und gab ihr die Hand. Dabei lächelte er und sie fühlte sich gleich sicherer. Herr Klappert setzte sich gegenüber an den Tisch und schaute zwei Zettel auf einem Klemmbrett durch, offensichtlich ein Bericht über die Situation.

››Gut‹‹, sagte er, ››das ist ärgerlich und ich hoffe, wir haben Ihre Pläne nicht zu sehr durchkreuzt. Zurzeit können wir daran nichts ändern, daher können Sie nach Hause gehen. Ihre Personalien wurden aufgenommen, nehme ich an?‹‹ – sie nickte – ››Wir werden Sie kontaktieren, sobald wir Neuigkeiten haben.‹‹ Und ihr wurde die Hand gegeben und Herr Klappert schob sie aus dem Büro.

››Ist so etwas denn schon öfters vorgekommen?‹‹, fragte Elin.

››Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.‹‹ Sein Lächeln strahlte Vertrauen aus.

››Aber gab es das schon öfters? Ich habe davon noch nie gehört‹‹, hakte Elin nach.

››Es kommt durchaus mal vor, dass die Technik versagt. Wir schließen Kabine 1 für heute und kontrollieren das. Machen Sie sich keine Sorgen.‹‹

Er schüttelte ihr noch einmal die Hand, dieses Mal bestimmter. Er lächelte sein beruhigendes Lächeln und ging.

Sie stand wieder in der Bahnhofshalle und um sie herum rauschten all die Reisenden vorbei, die anscheinend keinerlei Schwierigkeiten dabei hatten. Ihr blieb nichts Anderes übrig, als den Nachhauseweg anzutreten.

Ihr war nicht bekannt, dass die Teleportation jemals jemandem Probleme bereitet hätte. Sie war etliche Male zuvor gereist und hatte nichts anders gemacht als sonst. Der Fehler musste also auf der Seite der Firma sein, Planet Hopping AG. Die Kabine musste kaputt sein oder etwas war mit der Flüssigkeit. Bei den Gedanken war Elin sofort ruhiger. Sie atmete tief in den Bauch hinein und ihre angespannten Muskeln lockerten sich. Tief in ihrem Unterbewusstsein verblieben offene Fragen, die ihr Vertrauen Lügen strafte. Wenn der Fehler an der Kabine oder der Flüssigkeit lag, warum hatte man sie dann nicht einfach zu einer anderen Nummer geschickt?

Ihr Telefon klingelte. Es war ihre Mutter, Nina.

››Hallo Elin-Schatz!‹‹

››Hallo.‹‹

››Hast du gerade etwas Zeit?‹‹

››Ähm, ja. Aber bei mir war gerade viel Tumult, also will ich ungern lange telefonieren.‹‹

››Muss ja nicht lange sein.‹‹

Elins Schläfe begann zu pochen: ››Was wolltest du denn?‹‹

››Och, nur mal hören, wie es dir geht.‹‹

Elin verabscheute telefonieren. Dabei war es unmöglich, eine Konversation zu umgehen.

››Es gab ein Problem beim Teleportieren. Es hat nicht funktioniert.‹‹

››Ach, nein.‹‹ Elins Mutter war noch nie auf diese Art gereist. Für sie war es unverständliche Zukunftsmusik, die sie nicht anfassen wollte.

››Wahrscheinlich hatte es was mit der Technik zu tun und gar nicht mit mir‹‹, wollte Elin das Thema deeskalieren. Doch ihre Mutter hatte keine Vorstellungen vom Teleportieren und dementsprechend konnte sie es sich nicht vorstellen, wie kurios der Vorfall war.

››Wann hast du denn das letzte Mal den Planeten gewechselt?‹‹ Ihre Frage klang nicht besorgt, eher höflich.

››Das muss letzten Monat gewesen sein.‹‹

››Nun ja, es kann ja nicht sein, dass es an dir liegt. Sonst hättest du ja irgendetwas Grundlegendes verändern müssen.‹‹

››Wie was zum Beispiel?‹‹

Ihre Mutter überlegte, denn sie hatte eigentlich keine Antwort, also scherzte sie: ››Vielleicht, weil du in der Zwischenzeit wegen Operationen zu bionisch geworden bist?‹‹

››Ich glaube, selbst das wäre kein Problem.‹‹

Nina lachte und das Pochen in Elins Kopf wurde stärker.

››Ich lege jetzt auf‹‹, sagte sie, weil sie des Redens müde war. Sie wollte den Nachhauseweg nutzen, um darüber nachzudenken, was gerade passiert war. Und sobald sie ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen haben würde, würde sie es aus ihren Gedanken wischen. Sie hinterließ noch eine Nachricht bei ihrem Interviewpartner, den sie versetzt hatte. Sie hatten zuvor am Telefon einen guten Draht zueinander gehabt, daher nahm sie an, dass er ohne Probleme an einem anderen Tag für sie Zeit finden würde. Und später würde sie sich ins Bett legen und die Augen schließen. Tief in ihren Bauch atmend würde sie einschlafen. Denn sie dachte noch, dass es nicht mehr brauchte, damit alles wieder gut war.

An ihrem letzten Tag in ihrem alten Leben nutzte Elin ihren Abend wie fast jeden zuvor. Sie hatte sich Reis mit gebratenem Gemüse von unterwegs mitgenommen und saß beim Essen in ihrer stillen Wohnung auf dem Sofa. Sonst gab es noch ein großes Regal, das die gesamte äußere Wand einnahm und nur die Fenster freiließ. Es war gefüllt mit Abenteuerromanen und Bildbänden, Steinen, einem Glaskasten mit Muscheln und alten Münzen, einer Hängepflanze mit großen herzförmigen Blättern, einem schmalen Stück Baumstumpf, einer Glasschale mit Kastanien, einem Vogelschädel, einem großen Magneten und anderem Plunder, das andere mit Freude weggeworfen hätten. Die gegenüberliegende Küchenzeile war dagegen nur spärlich gefüllt. Auf zwei Regalbrettern über dem Herd gab es einen Topf, eine Pfanne, zwei große Teller, einen Becher mit Besteck, einen Pappkarton mit Schwarztee und eine einzelne große Tasse. Das alte, senfgelbe Sofa mit Platz für zwei stand mitten im Raum, war aber niemals mit einer weiteren Person besetzt. Das letzte Möbelstück im Zimmer war ein Goldschmiedetisch. Er hatte links und rechts schmale Schubladen und die Tischplatte hatte eine runde Einkerbung, unter der ein Brettfell für beim Arbeiten entstehende Abfälle wie etwa Metallstaub angebracht war. Darauf befand sich Werkzeug ohne erkennbare Ordnung: Feilen, Blechscheren, Bürsten und Zangen, ein Winkeldreieck, Schraubstock, Mikroskop und eine Schutzbrille. Im Schreibstock klemmte etwas, das mal ein Schmuckstück werden sollte. An diesen Tisch setzte sich Elin nun, zwei kleine, helle Lampen darüber einschaltend. Sie griff nach einer groben Feile und beugte sich über den Schraubstock. Sofort vergaß sie den Tumult des Tages, ihr Puls wurde langsam und sie begann das rundliche Stück Eisen vorsichtig mit der Feile zu bearbeiten. Bedächtige Handbewegungen, feines Kratzen von Metall auf Metall, pulsierender Straßenlärm vor ihren geschlossenen Fenstern und die Zeit, die ihre Bedeutung verlor. Sie arbeitete so lange, bis ihr Nacken vom langen Herunterschauen anfing zu schmerzen. Dann blies sie ein letztes Mal den Eisenstaub vom Tisch in das Brettfell und ließ alles so stehen, wie es war, da sie am nächsten Tag weiterarbeiten wollte. So sah auch der Rest der Wohnung aus: Auf dem Boden vor dem Sofa lagen mehrere aufgeschlagene Bücher, dreckige Socken und Essensverpackungen, vor dem Regal standen Kartons mit halb herausgezogenen Tüchern, Ästen und Kleidung. Sie erwartete nie Besuch und räumte selten auf.

Elin bewegte kreisend ihre Schultern, nahm die Schutzbrille ab und schaltete die zwei Lampen aus. Sie zog noch im Gehen ihre weiße Bluse aus und legte sie unachtsam über die Sofalehne. Morgen würde sie eine identische Bluse aus ihrem Schrank nehmen und diese tragen, wie am Tag zuvor und zuvor und zuvor. Um den Überlegungen zu entgehen, was sie an der Arbeit anziehen sollte, war sie eines Tages in einen Laden gegangen und hatte sich fünfzehn identische weiße Seidenblusen und ein paar schwarze Hosen gekauft. Seit diesem Tag trug sie beruflich nichts Anderes mehr und sie fühlte dadurch eine große Befreiung. Da sie meistens auf Außenterminen unterwegs war, fiel es keinem Kollegen auf.

Elins Schlafzimmer war so klein, dass es nur ein schmales Bett und einen kleinen Schrank enthielt, der fünfzehn weiße Blusen, ein paar Hosen und wenig andere, kaum getragene Kleidung enthielt. Kaum hatte Elin ihr Kissen berührt, wich der Tag schon ihrem Schlaf.

 

ZWEITES KAPITEL

Elin schlug die Augen auf und war wach. Einige Sekunden lang war sie nur sie, dann kamen die Geschehnisse vom Tag zuvor zu ihr zurück. Es ärgerte sie, dass sie es allein mit Denken nicht zu einer Lösung bringen würde und trotzdem nicht damit aufhören konnte. Ihr fiel wieder die Broschüre ein und sie fand sie ganz unten in einem Stapel alter Magazine, die sie alle nie gelesen hatte. Die Broschüre war ein hellblaues DIN-A4-Büchlein mit einem Softcover. Darauf war das Logo der Planet Hopping AG und ein Foto mit einer sich auf dem Planeten Kepler sonnenden Frau, deren Blick sagte: ››Ich habe es im Leben geschafft, nun brauche ich mich nie mehr zu sorgen.‹‹ Unter ihr stand: Das neue Jahrhundert beginnt göttlich: Die Teleportation.

Kein Wunder, dass sich religiöse Leute angegriffen fühlen, dachte Elin.

Sie blätterte beim Gehen darin wie in einem Daumenkino und legte es dann auf das Sofa als Frühstückslektüre, und schob zwei Brotscheiben in den Toaster.

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie davon erfahren hatte. Sie war für das Vorstellungsgespräch mit ihrem jetzigen Chef in der Redaktion gewesen, mit ihrer weißen Bluse und ihrer schwarzen Hose. Niemand hatte sie beachtet, jeder lief eine Spur schneller als man es von sitzfreudigen Journalisten in ihren Büros gewöhnt war, ab und zu wisperte jemand: ››Unglaublich‹‹ und schaute ungläubig. Eine Frau mit schütterem Haar und Adlernase warf ihren Kopf in den Nacken und lachte zügellos, weil sie sich unbeobachtet fühlte.

››Hallo‹‹, sprach Elin sie an und sie zuckte überrascht zusammen. Sie zupfte ihr Oberteil zurecht und begradigte die Schultern, als könne sie sich ihren hässlichen Gesichtsausdruck zuvor so besser verzeihen.

››Hallo?‹‹, fragte sie zurück.

››Was ist denn los? Alle sind so aufgeregt.‹‹

››Aber hast du es denn noch nicht gehört? Sie haben das erste lebendige Wesen teleportieren lassen. Le-ben-dig!‹‹

››Ach so.‹‹

››Ist das denn zu fassen? In ein paar Jahren werden wir alle tele-por-tier-ren können!‹‹ Sie schnippte mit dem Finger.

››Was war das denn für ein Tier?‹‹

››Ein Affe war das, glaube ich. Putzmunter war er, als er auf der anderen Seite wieder raus kaum. Plopp!‹‹

Es war tatsächlich ein Affe gewesen, genau genommen ein Bonobo-Weibchen, das man Demi nannte. Demi war nicht ganz putzmunter, wie es Elins zukünftige Arbeitskollegin ausgedrückt hatte. Korrekt wäre ihre Aussage gewesen, wenn sie gesagt hätte, man hätte bei ihr keine medizinischen Mängel feststellen können. Trotzdem fraß sie nicht mehr und zeigte Anzeichen einer starken Depression, zwei Wochen nach der Reise starb sie an ihrer Trauer. Die Wissenschaftler variierten den Versuch immer wieder und hatten schließlich Erfolg, schon kurz darauf reiste der erste Mensch, eine Lehrerin aus Exeter, die ein Vorbild für die Bildung sein wollte. Der flaue Magen und die weiteren leichten Nebenwirkungen des Reisens wurden Demi-Symptome genannt, der Tod stand aber nicht mehr in der Liste der möglichen Folgen. Dennoch wurde von Ärzten empfohlen, dass man nicht viele Male hintereinander reisen sollte und, wenn möglich, nur einmal in vierundzwanzig Stunden. Elin war danach immer ermattet und brauchte viel Schlaf. Sie dachte oft an Demi, wie sie schwindelnd wieder anfing, am anderen Ort zu existieren, aller Glücksgefühle im Körper beraubt.

Der Toaster klackte und das Brot sprang in die Höhe. Elin legte die beiden Scheiben auf einen Teller, strich Frischkäse darauf und belegte sie mit Tomatenscheiben und schwarzen Oliven, ein bisschen Pfeffer und Salz obendrauf.

Da klingelte ihr Telefon.

››Hallo?‹‹

››Guten Morgen, hier ist Dr. Jens Bittner von der Planet Hopping AG, spreche ich mit Elin Delambre?‹‹

››Ja‹‹, sagte sie geistesabwesend und ihr fiel ihr Bild im Spiegel neben dem Bücherschrank auf. Ihre Haare waren vom Schlaf verknotet, nebenbei versuchte sie sich mit ihren Fingern zu kämmen, ohne sich wehzutun.

››Es gibt noch einige Dinge zu besprechen. Sie sollten in unser Institut kommen.‹‹

››Ich kann montagabends nach der Arbeit vorbeikommen.‹‹

››Sie sollten sofort kommen, es ist wichtig.‹‹ Seine Stimme klang nervös, jetzt war sie alarmiert.

››Stimmt etwas nicht?‹‹

››Wir wollten Sie schon gestern Abend anrufen, aber hielten das dann für unsinnig. Kommen Sie bitte direkt. Sie sollten es mit eigenen Augen sehen.‹‹

Seine Stimme hatte einen beunruhigenden Unterton, wie man sonst nur zu Labilen und Geisteskranken sprach. Elin hoffte, dass er mit jedem auf diese Art redete und Leute immer in der wir-Form adressieren würde. Wollen wir uns mal die Jacke aufhängen? Mögen wir den neuen Kollegen denn? Geht es uns heute denn gut? Dann würde seine flachatmende Tonlage wenigstens nichts mit ihr zu tun haben.

Was sollte sie mit eigenen Augen sehen? Demi kam ihr in den Sinn. Sie sah sich selbst vor sich, sterbenskrank mit fortgeschrittenen Demi-Symptomen. Furcht überfiel sie. Wie naiv man sich unbekannten Gefahren hingibt, wenn jemand einem nur sagt, es sei sicher.

Sie hatte nur eine Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten erwartet und dass man sie danach schnell vergessen würde. In aller Eile putzte sie sich die Zähne und zog wahllos Kleidungsstücke über, die sie verstreut in ihrem Schlafzimmer fand, eine weiße Bluse und eine schwarze Hose, die noch nicht nach Schweiß rochen. Auf dem Weg nach draußen schob sie sich eins der zwei getoasteten Brote in den Mund. Mehr aus Vernunft, denn Appetit hatte sie keinen mehr.

Das Institut war in einem anderen Stadtviertel als der Bahnhof oder ihre Wohnung, daher war sie fast vierzig Minuten mit dem Bus unterwegs. Die unter- oder überirdischen Bahnen waren noch nicht wiederaufgebaut und nach dem Krieg waren die Strecken und Haltestellen fast vollständig zerstört.

Das Gebäude des Planet Hopping-Instituts wirkte wie eine Universität, es war mächtig und mit roten Ziegelsteinen und weißen Fenstern und Türen erbaut. Elin sah deutlich, dass auch dieses Gebäude wie die meisten in der Stadt zur Hälfte neu aufgebaut war, nur einige alte Grundmauern übernehmend. Ein großes Schild zählte zig Forschungsabteilungen auf, deren Namen ihr nichts sagten. Sie beschloss, direkt beim Empfang nach Dr. Bittner zu fragen.

Dort musste sie nur ihren Namen nennen, sofort wusste der junge Mann, wen er anrufen musste.

››Frau Delambre wäre dann hier.‹‹ Er bejahte drei Mal, wobei das letzte Ja in einem Quietschen unterging, und wendete sich dann zu ihr: ››Sie werden abgeholt.‹‹

Kaum hatte sie sich auf einen der eckigen, unbequemen Sessel gesetzt, eilte ein Mann mit wehendem Kittel heran. Er war lang und drahtig, seine fleischige Nase war rot von einem Schnupfen und seine weißen Augenbrauen wuchsen ihm bis über die Sicht. Ihm folgten eine junge Frau, deren Kopf in einem Haufen Zettel vergraben war, und ein schüchterner, junger Mann, beide trugen ebenfalls einen Laborkittel.

Der Mann redete schnell mit ausgestreckter Hand: ››Elin Delambre! Schön, Sie zu sehen.‹‹ Seine Augen waren zusammengekniffen und er kam ihr ungewöhnlich nahe, als er sie eindringlich betrachtete. Die Augen seiner beiden Helfer rollten wie Billardkugeln zwischen ihnen hin und her, während sie glotzten.

››Wirklich erstaunlich‹‹, sagte er kaum vernehmbar und den Kopf schräg haltend. ››Folgen Sie mir bitte. Mein Name ist Dr. Bittner. Haben Sie gut hergefunden?‹‹

Er lief wieder zurück in den Gang, aus dem er gekommen war. Elin versuchte zwischen seinen beiden Helfern Schritt zu halten.

››Ja …‹‹, sagte sie verwirrt. Niemand hatte sie gehört und niemand hätte sich für ihre Antwort interessiert.

››Gestern sorgten Sie für große Verwirrung bei uns‹‹, sagte Dr. Bittner. ››Unabhängig davon, dass die Teleportion den Anschein machte, sie wäre – außer dass Sie am selben Ort blieben – reibungslos abgelaufen; mussten wir später feststellen, dass Sie doch abgereist sind.‹‹

Er war vor einer schlichten, schwarzen Tür stehen geblieben.

››Doch abgereist …‹‹, wiederholte Elin die Worte ohne den Sinn hinter ihnen zu verstehen.

Er nickte bekümmert.

››Etwa drei Stunden nach Ihrer fehlgeschlagenen Abreise versuchten Sie sich wieder zurück zu teleportieren. Wir wurden sofort informiert, einen Fehler konnten wir ausschließen. Dass Sie jetzt vor mir stehen, ist sozusagen der Beweis.‹‹

Ratlos blickte sie ihn an. Sie verstand kein Wort.

Er zeigte mit dem Finger auf sie: ››Sind Sie bereit?‹‹ Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür weit: ››Schauen Sie selbst.‹‹

Die Helfer quiekten erregt. Dr. Bittners Hand lag noch immer auf der Türklinke, sein Arm war weit ausgestreckt. Neugierig und angsterfüllt betrat Elin den Raum – und verstand sofort, was Dr. Bittner gemeint hatte.

In dem Raum waren nur ein Tisch und zwei Stühle. Eine Person saß mit dem Gesicht zu ihr und sie sorgte dafür, dass sich ihre Haare im Nacken aufrichteten. Sie war schmal und unscheinbar, walnussfarbene Haare gingen ihr bis knapp über die Schultern und unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Ihr Kopf war nach unten gesunken, doch ihr Blick ruhte auf ihr. Erschöpft. Verängstigt. Wutschäumend. Diese Person. War Elin.

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