Dokumentation über einen Autor: John Irving und wie er die Welt sieht

John Irving ist ein Autor, dessen Bücher ich theoretisch alle klasse finde. Die Geschichten klingen immer unverklärt und kurios, wie ich es mag. Ich erinnere mich, dass ich mit 17 oder 18 auf einem Flohmarkt mal alle Bücher von ihm kaufte, die ich finden konnte. Ich dachte, er wird mein neuer Lieblingsautor. Doch obwohl er gut war, konnte mich kein einziges Buch halten. Ich konnte nicht erkennen, woran es lag, doch John Irving verschwand aus meinem Bücherregal schnell und unversucht. Vielleicht war ich zu jung. Vielleicht stimmte nur eine einzige Ausdrucksweise nicht.

Jedoch muss man John Irving nicht gerne lesen, um ihn interessant zu finden. Daher sprach mich die Dokumentation über ihn schnell an. Wenn ich einen Schriftsteller erfinden würde, dann ihn. Er ist ein sanfter Mann, ein bisschen verschroben, und liebt es über das Schreiben zu reden. Er ist perfekt als Klischee-Autor.

Er schrieb all seine Bücher früher mit Bleistift. Ja, handschriftlich. Dann entschied er sich dazu, eine Ich-Persepektive in einem fertigen Buch in die dritte Person zu verwandeln. Er brauchte ein Jahr dafür und mittendrin konnte er vor Schmerzen nicht mehr den Stift halten. Ein Freund fragte: „Zeig mir, wie du schreibst“ und als er den Bleistift sah, rief er aus: „Oh je, nimm doch bitte einen leichten Tintenkugelschreiber.“ Selbst das ist noch verschroben genug und ich weiß, einige finden die Idee romantisch. Doch für mich wäre selbst der Gedanke an eine Schreibmaschine ein Schweißausbruch. Ich mag meine Löschentaste. Wahrscheinlich liegt es an meiner Schreibweise, dass ich mir erlaube, erst einmal Schrott zu schreiben. Ich müsste nach diesem Prinzip meinen Roman zwei oder drei Mal komplett neuschreiben. Mit der Hand!

irving-schreibtisch

Toll an der Dokumentation ist, dass man den Schreibprozess wunderschön mitbekommt.

Ich mag die Öffentlichkeit nicht so, aber ich verstehe, dass es wichtig ist. Ich mag das Schreiben viel lieber, dabei wird mir nicht langweilig. Ich könnte es ewig tun.

Vor allem bekommt man verschiedene Perspektiven zu sehen. Wir lernen Menschen kennen, die in seinen Büchern vorkommen, etwa Ärzte, Prostituierte, einen Tattowierer. Seine Recherche-Assistentin erzählt etwa, wie sie aus heiterem Himmel ein Fax oder eine E-Mail von ihm mit den seltsamsten Fragen: Gibt es in der Stadt XY eine besonders schöne Kathedrale, neben der ein Bestattungsladen steht?

irving-notizen

Ich empfehle die Dokumentation vor allem Autoren oder denen, die es werden wollen. Wer noch nicht ganz den Dreh raus hat, wie man Eindrücke für seinen Roman verwenden kann, wo man anfängt, wo man aufhört, der wird hier viel lernen. Doch selbst derjenige, der schon seine Routine hat, bekommt einen Eindruck, wie es anders geht, wie es auch möglich ist.

Ich habe Glück, dass ich Vollzeit ein Autor sein kann. Also war es nie etwas, zu dem ich mich zwingen musste.

Letzten Endes bekommt man diese kleinen Anekdoten erzählt, die ich in Geschichten so liebe. Wie Irving auf bestimmte Dinge kam, wie Leute ihn wahrnahmen, wie seine Helfer die Bücher dann zu lesen bekamen und natürlich auch viel von dem Schriftsteller selbst, seine Erlebnisse, seine Familienhintergründe. Aber so viel will ich gar nicht vorweg nehmen. Letztenendes kann man nur sagen: Jemand, der schreibt, wird in Irving einen Gleichgesinnten erkennen. Und ich werde seinen Büchern nun zehn Jahre später eine zweite Chance geben.

John Irving und wie er die Welt sieht: Deutschland, 2012

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2 Kommentare zu „Dokumentation über einen Autor: John Irving und wie er die Welt sieht

  1. Oh, das klingt wie ein Film, der mir gefallen könnte. Danke dafür! Ich finde es immer unheimlich spannend, wie die Arbeitsprozesse von Schriftstellern, aber auch anderen kreativen Leuten aussehen, darüber könnte ich bestimmt hundert Dokus schauen …

    Und zum Handschriftlichen: Ach, mir gefällt es total, wenn ich auf dem Papier sehe, wo ich was durchgestrichen oder neu formuliert habe. Das hat seine eigene Schönheit!

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    1. Wirklich ein toller Film, schau ihn dir unbedingt an! Sehr inspirierend und mutmachend für Autoren. Ich finde sowieso, dass solche Eindrücke viel zu selten sind. Erzähle mir dann gerne, wie du ihn fandest 🙂

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