Nur ein Mensch

“Wenn du nur eine Person in deinem Leben hassen dürftest, wer wäre das? Ich meine nicht, wenn du jemanden unsympathisch findest, irgendwas mit einer Person nicht richtig ist, wenn du nicht ganz so gerne mit ihr zusammen bist wie mit anderen. Ich spreche von Hass, richtig richtiger HASS. Wenn dir die Galle den Hals hochkriecht und du dich vor dieser affektierten, falschen, ekelhaften Person erbrechen willst. So ein Hass. Also wenn du nur einen Menschen in deinem Leben hassen dürftest, wen würdest du wählen?”

“Ähmmmm … Ähm. Muss ich?”, fragte ihre Freundin und stieg von ihrem Rad ab.

“Du musst!”

“Puh.” Sie überlegte: “Ich steh irgendwie nicht so auf Hass. Das ist ungesund für’s Herz und ist mir eigentlich auch zu anstrengend.”

“Aha. Dabei ist es doch auch gesund, sich mal richtig aufzuregen.”

Die Freundin schloss die Kette auf, die um das Lenkrad gewickelt war. Sie sagte: “Sich aufzuregen schon. Aber du sprichst ja von Hass, richtig richtiger HASS. Die Welt wäre ein besserer Ort ohne Hass. Es gäbe keine Konflikte, keine Kriege …”

Die aufgeregte erste Freundin stand ruhig daneben und ließ die Arme schlenkern: “Und ich dachte immer, es geht bei all dem eigentlich um Liebe.”

“Um Liebe? Quatsch. Schau, wenn Lindsey Lohan morgens aufwacht und sich Liebe wünscht, dann nur, weil sie sich selbst hasst. Und dadurch wird sie dieser unangenehme Mensch, den keiner lieben mag, denn warum sollte man jemanden lieben, der sich nicht einmal selbst liebt?”

“Mh, ja, das kann sein”, sagte die Freundin und schlenkerte nicht mehr.

“Oder in Kriegen zum Beispiel. Natürlich geht es da um Macht und Geld, aber Hass ist eine Waffe, mit der man die Leute lenkt. Stell dir vor, die ganze Bevölkerung soll gegen Muslime, Juden, Nicht-Deutsche generell oder irgendwer aus reichen Ölländern aufgehtzt werden, weil die Regierung in den Krieg ziehen will. Aber alle gähnen nur und sagen: Boah, das ist mir jetzt zu stressig. Da sähe die Kriegstreiberei schön alt aus.”

Das Fahrrad war schon längst angeschlossen, doch sie standen noch daneben.

“Mhh”, machte die andere und kratzte sich das Kinn, “so habe ich das noch nie gesehen.”

“Aber eine Person fällt mir ein, die könnte ich eventuell hassen. Anna Klo, das fuchtbarste Mädchen meiner Klasse. Ich dachte noch, ich könnte mir Freunde nicht aussuchen und ließ mich quälen. Ich hatte eine kleine Kasse mit Spielgeld drin, die ich zum Spielen mitbrachte und vergaß. Darin waren wunderschöne, echt aussehende Silbermünzen, die ich sehr mochte und Anna war neidisch auf sie. Sie hatte selbst eine Kasse, in der aber nur leichte Billigmünzen dabei waren, mit dem Aufdruck: Spielgeld. So macht das ja keinen Spaß. Als ich die Kasse abholen wollte, hatte sie die Münzen ausgetauscht und verkündigte mir, ich hätte mich geirrt und das seien schon immer ihre Münzen gewesen.”

“Ach, das ist doch nur ein Streich gewesen. Sie hat dir ja nicht wehgetan”, sagte nun die Freundin, die die Frage nach dem Hass gestellt hatte.

“Einmal war ich bei ihr zu Besuch und als ich gehen wollte, lag meine Jacke auf dem Komposthaufen.”

“Ja, das ist wirklich nicht so nett.”

“Sie war zwei Jahre älter als ich und blieb aber zwei Mal sitzen. Der Tag, an dem ich erfuhr, dass sie in meine Klasse kommt, ist tief in mein Gedächtnis gebrannt. Ich lief gerade mit meiner Schulfreundin zur Schule, an dem Misthaufen vorbei, der damals so groß wirkte und nun so klein ist. Sie erzählte mir fröhlich die große Neuigkeit, wir waren alle Nachbarn und kannten uns, und ich sackte zusammen und dachte: Mein Leben ist vorbei. Und das war es auch. Zumindest das, was ich als mein Leben in diesem Alter definierte. Anna Klo, die könnte ich wirklich hassen.”

Ihre Freundin kicherte: “Ach ja?”

“Wenn ich nur daran denke, dann möchte ich gngngngn”, ihre Finger krampften sich um einen imaginären Hals zusammen und würgten.

“Aber das ist ja jetzt auch schon Jahre her”, sagte ihre Freundin, deren Arme nun wieder fröhlich von einer Seite zur anderen schwangen.

“Vor kurzem habe ich erfahren, dass sie auf einem Hausdach stand und springen wollte. Sie wollte wohl nicht wirklich springen, aber nun ja, alle sollten denken, sie wollte springen. Und mit etwas Scham muss sagen: Ich konnte das Grinsen nicht verbergen. Ich hab mich gefreut. Letztendlich hat sie doch verloren.”

Sie ließen das angeschlossene Fahrrad stehen und schlenderten auf der sonnigen Straßenseite davon.

“Das ist ja interessant”, sagte die Fragenstellende der beiden noch. “Und wenn du nur einen Menschen auf der Welt lieben könntest. Wer wäre das?”

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