Das Versteck vor der Zeit

Zuerst gab es nur Atemzüge, die den Raum füllten. Die Lungenflügel füllten sich mit frischer Luft und gaben diese wieder frei. Nach einer Pause wiederholte sich der Vorgang, ruhig, ohne die Not des Zeitgefühls. Dann kamen andere Empfindungen, stückweise schoben sie sich in mein Bewusstsein ohne mich zu bedrängen. Das grobe Leinen, das meinen Körper überall dort berührte, wo Unterhose und T-Shirt nicht mehr hinreichten. Eine Bewegung in der frischen Luft, die bedeutete, dass das Fenster offen war. Die nach Kieselstein riechende Stirn meiner Katze, die sich gegen meine Nase drückte.
Ich war in der süßesten Zwischenwelt zwischen Schlaf und Erwachen, gleitete von einem Zustand in den anderen ohne einen ganz zu verlassen. Ich wusste, wer ich war, ich war eine reine, erfüllte Version meiner selbst und wenn ich daran zurückdenke, dann beeindruckt mich vor allem die Leichtigkeit dessen. Etwas, das es in diesem Moment nicht gab, war die Zeit. In seiner Endlichkeit war der Moment unendlich und das gab mir die Chance, ihn ohne Hektik zu betrachten.
Mein Körper lag seitlich im Halbkreis, meine Katze schmiegte sich gestreckt an mich und schlief lautstark. Redende, glucksende Geräusche wimmerten über ihre Schnauze dicht an meinem Kopf vorbei und ich konnte an ihren zuckenden Bewegungen ihre Träume lesen. Luft und Leinen umhüllten uns und noch immer gab es nur den Raum und mich. Trotz meiner Menschlichkeit hatte ich nicht dessen Verfall, mein Körper hätte der eines Kindes oder der einer alten Frau sein können. Sorgenlos lag ich ungeschützt in diesem Moment. Ich fühlte mich gut.
Die Zeit kam gewaltvoll zurück, presste die Luft aus meinen Lungen und prügelte mich zurück in den Ist-Zustand: „Das hier bist du!“, schrie sie, „du kannst nicht nur Atmen, wer glaubst du, wer du bist, dass du solche Privilegien hast, nichts zählt ohne mich, ich bin alles!“ Mir schwindelte. Angstschweiß schoss aus meinen Poren und nach Luft schnappend lag ich in der Dunkelheit, hellwach und schutzlos. Meine Katze hatte sich beleidigt aufgesetzt und starrte mich mit finsteren Augen an. Das Leben ging weiter. Mit erzwungen langsamen Atemzügen mein Herz beruhigend schaute ich auf die Uhr: Es war vier Uhr und elf Minuten. Es war noch nicht Zeit. Ich schloss meine Augen.

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